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Gisela May zum Neunzigsten : Deutungshoheit in Person

  • -Aktualisiert am

Gisela May, hier auf einem Foto aus dem Jahr 2012, wird neunzig. Bild: dpa

Einst galt sie als deutsche Antwort auf die Moreau oder auf Milva, später brillierte sie mit Evelyn Hamann in „Adelheid und ihre Mörder“. Gisela May ist eine Schauspielerin, die ein ganzes Ensemble ersetzen kann. Heute wird sie neunzig.

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          Jeanne Moreau, Frankreichs Göttin der unterkühlten Erotik, als komische Alte? Undenkbar! Oder wenn, dann nur mit Kniefall der Kritik und des Publikums angesichts derartiger künstlerischer Souveränität. Es braucht schon die verworrene Geschichte Deutschlands, dass eine Gisela May, einst zu beiden Seiten der innerdeutschen Grenze als deutsche Antwort auf die Moreau oder Milva, als intellektuelle Version einer Peggy Lee oder singende Variante von Fellinis Giulietta Masina verehrt, heute überwiegend mit der überkandidelten Rosa Müller-Graf-Kleditsch, genannt Muddi, assoziiert wird.

          „Adelheid und ihre Mörder“ hieß die herrlich überdrehte Erfolgsfernsehserie, in der Gisela May zwischen 1992 und 2006 in skurrilen Dialogen mit Evelyn Hamann, der Titelheldin, sich souverän gegen die populäre Komik ihrer Partnerin behauptete. Gralshütern des Erbes von Bertolt Brecht ebenso wie den Konservatoren des klassischen Chansons ging vermutlich die Galle über, dass eine der größten Interpretinnen beider Genres Derartiges betrieb - und wer die May einmal am alten Berliner Ensemble als Brechts Mutter Courage (1978 war sie in dieser Rolle der legendären Helene Weigel gefolgt) erlebt hat oder eines ihrer damaligen Konzerte besuchte, kann den Widerwillen fast verstehen: Diese Frau spielte und sang mit einer stupenden Sicherheit, riss hin durch eine zuvor nie so gesehene, disziplinierte Gelassenheit; ein Paradoxon, das nur ihr zu eigen war.

          Man ist versucht, von einem Ensemble zu sprechen

          Die scheinbare, bis heute anhaltende Mühelosigkeit des Spiels ruht auf einem soliden Fundament: Nach der „Höheren Mädchenschule“ durchlief die in Wetzlar geborene Gisela May von 1942 bis 1944 eine Schauspielausbildung in Leipzig. Über Theater in Danzig, Dresden und Halle kam sie 1951 an Berlins Deutsches Theater und 1962 an das Berliner Ensemble, wo sie bis 1992 blieb. Von Lessings „Minna von Barnhelm“ bis zu Shaws „Frau Warrens Gewerbe“ und der Mutter Wolfen in Hauptmanns „Der Biberpelz“ spielte sie alle Glanzrollen, die das realistische Theater der DDR Frauen ihres Formats bot. Ihr zeitweise weltweiter Ruhm erlaubte „der May“ sogar das amerikanische Musical „Hello Dolly“, dessen Titelfigur sie neben obligatem Glamour realsozialistische dramatische Tiefe verlieh.

          Fünf Jahre vor ihrem Engagement an der Vorzeigebühne der DDR hatte Hanns Eisler das enorme Gesangstalent der Künstlerin entdeckt. Von ihm gefördert, erarbeitete sie sich ein Repertoire, das von Tucholsky bis Hollaender, von Walter Mehring bis Erich Kästner reichte und eigens für sie komponierte Chansons einschloss. Ihre Stärke: jedes Lied klang wie eben erst erfunden. Ihre (kleine) Schwäche: zuweilen gebärdete die Diseuse sich wie die Pythia des Ostens mit alleiniger Deutungshoheit.

          Als eine von wenigen DDR-Künstlern gastierte Gisela May im „westlichen Ausland“, von Europa bis in die Vereinigten Staaten und Australien. Die Bundesrepublik kaufte begeistert ihre Alben und bewunderte sie in Filmen, die für Festivals bisweilen über die Grenze gelangten. „Was die Sängerin und ihren Reichtum an Nuancen betrifft, so ist man versucht, von einem Ensemble zu sprechen“, schrieb einmal der Feuilletonist Lothar Kusche. Das Urteil gilt auch für die Schauspielerin. Am Samstag wird sie, die im Berliner Ensemble zuweilen noch Brecht-Weill-Abende gibt, neunzig Jahre alt.

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