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„Gift“ im Deutschen Theater Berlin : Und plötzlich steht die Welt still

  • -Aktualisiert am

Virtuosen des Verlustschmerzes: Dagmar Manzel und Ulrich Matthes in „Gift“ von Lot Vekemans Bild: Drama

Requiem für ein Kind als Überlebenskampf zweier grandioser Unglückseltern: Christian Schwochow inszeniert „Gift“ mit Dagmar Manzel und Ulrich Matthes im Deutschen Theater in Berlin.

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          Erst verloren die Frau und der Mann ihr einziges Kind bei einem Unfall, dann sich selbst und schließlich einander. So fasst der Mann ihre gemeinsame Vergangenheit zusammen. Sie ist da jedoch schon neun Jahre lang unterbrochen, denn er hat seine Frau plötzlich verlassen, als sie beide von der Situation überfordert waren. Er hat sich seitdem nicht gemeldet, ist aus Holland nach Frankreich gezogen und lebt dort mit einer anderen Frau zusammen, die von ihm schwanger ist.

          Seine Geschiedene, die nach wie vor im alten Haus wohnt, hat ihm jetzt geschrieben: Auf dem Friedhof sei Gift im Boden entdeckt worden, die Toten, darunter ihr Sohn, müssten umgebettet werden, er möge sie zur Besprechung vor Ort begleiten. Die niederländische Autorin Lot Vekemans nennt ihr Drama „Gift“, das 2009 in Gent uraufgeführt wurde, eine Ehegeschichte. Dass diese Ehe längst nicht mehr besteht, ist unwichtig, weil die beiden namenlosen Protagonisten im Gespräch wieder zu einem eng verbundenen Paar werden - indem es erneut trauert und sich darüber hinaus zu erklären versucht, wie das Leben für sie weitergehen konnte.

          Vertraute Fremde üben sich in beredtem Schweigen

          Das kunstgerechte Betroffenheitsstück ist von milder Sentimentalität nicht frei, aber es trifft einen Nerv und weiß mit seiner genauen Figurenzeichnung zu beeindrucken. Im Deutschen Theater Berlin ist es mit Dagmar Manzel und Ulrich Matthes so hochkarätig besetzt, dass ohnedies alle Einsprüche mit Virtuosität, Empathie und Grandezza weggespielt werden.

          Wände aus nacktem Stahl und ein Kaffeeautomat: Hier kommt sicher keine Wohlfühlatmosphäre auf

          Anfangs scheint es, als müssten sich die Unglückseltern eigentlich siezen, dermaßen fremd wirken sie mit ihrer distanzierten Höflichkeit in der schmalen, überhohen Wartehalle des Friedhofs, deren Wände von der Bühnenbildnerin Anne Ehrlich wie ein eiserner Vorhang gestaltet wurden. Das Licht ist eiskalt, die weißen Plastikstühle sind unbequem, Kaffeeautomat und Wasserspender machen die Atmosphäre nicht gemütlicher.

          Als die Frau eintritt, wartet der Mann bereits ein paar Minuten. Sie legt, nachdem sie sich gesetzt hat, ihre Handtasche deutlich neben sich, um ihn auf Abstand zu halten. Dieses Treffen, das allein ihr gefälschter Brief ausgelöst hat, gerät bald zur existentiellen Ursachenforschung: Wie oft denkst du an ihn? Warum bist du gegangen? Liebst du mich noch? Wo ist der Sinn in dem, was uns geschah?

          Zwischen den Eltern steht mehr als nur der Wasserspender

          Dagmar Manzel zeigt die äußerlich patente, dabei nur in ihrer Trauer behauste Frau mit allen inneren Verwüstungen des Schmerzes, egal, ob sie weint oder lacht, die türkisfarbene Strickjacke anzieht, auszieht, zusammenknüllt, die Hände verzweifelt über die Knie krallt oder die Arme unwirsch verschränkt. Die Zeit ist für sie stehengeblieben, und das wirft sie - so ungerecht wie massiv - ihrem Ex-Mann vor. Er hat bei Ulrich Matthes eine freundliche Gleichmut, unter der erst allmählich Pein und Gram erkennbar werden.

          Zwei Schiffbrüchige im Meer der Trauer

          Sie sucht die Toilette auf, er telefoniert mit seiner Lebensgefährtin. Sie hat Hunger, er bietet ihr Schokolade an. Er kriegt mit, dass der Brief nicht stimmt, sie legt ein Nickerchen auf den Stühlen ein. Unabwendbar ist indes die Erinnerung an den Tod des Sohnes im Krankenhaus: „Die Welt stand still / Auf irgendeine Art war es ein vollkommener Augenblick“, sagt die Frau, fiebrig bewegt, der Mann starrt reglos ins Leere. Die konzentriert-unaufdringliche Inszenierung des Filmregisseurs Christian Schwochow, der für seinen ARD-Zweiteiler „Der Turm“ nach Uwe Tellkamp mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet wurde, folgt eng den Vorgaben der Autorin und stört - keine geringe Leistung - die Schauspieler nicht weiter.

          Dagmar Manzel und Ulrich Matthes lassen die Schwere des Themas nicht vergessen, doch sie decken die Leichtigkeit, sogar Komik des Textes auf und sind immer grandios zwingend, bis hin zur Umarmung am Schluss, wenn sich Mann und Frau wie „zwei Schiffbrüchige an einer Boje“ aneinander festklammern. Zum Trost singt er ein Lied von Leonard Bernstein durch die Wolle ihres Pulloverärmels - als wäre alles vergebens, aber inzwischen vielleicht nicht mehr ganz so schrecklich.

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