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"Il Trovatore" in Zürich : Um ein Haar hätte man mitgesungen

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Sensibler Frauenversteher: Piotr Beczala hat als Manrico keine Angst vor Gefühlen, hier im Dialog mit Azucena (Agnieszka Rehlis), nur vor dem hohen C. Bild: Monika Rittershaus

Gianandrea Noseda feiert mit Verdis „Trovatore“ einen grandiosen Einstand als Generalmusikdirektor in Zürich, beflügelt von einer kongenialen Inszenierung von Adele Thomas.

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          Als der Dirigent zum Schlussapplaus auf die Bühne geht und man glauben möchte, er sei gerade aus einem Traum erwacht und müsse sich in der Realität erst wieder zurechtfinden, da wird sichtbar, was man von Anfang an spürte: Hier hat sich jemand verausgabt, hat das Beste gegeben, wozu er fähig ist, denn er weiß, dieser Moment kommt nie wieder: sein Einstand als Generalmusikdirektor am Opernhaus Zürich. Gianandrea Noseda, ein blonder, schmaler, hochgewachsener Mailänder, ist ein Generalist mit breit gefächertem Opern- und Konzertrepertoire – darunter italienische Musik des zwanzigsten Jahrhunderts als Schwerpunkt – und einer reichen internationalen Erfahrung von Pittsburgh und Washington über London bis Sankt Petersburg, wo er zehn Jahre als erster Gastdirigent am Mariinsky-Theater wirkte.

          Ob Noseda in Zürich sogar den Komponisten des „Trovatore“ im Publikum wähnte, Giuseppe Verdi? Es hätte jedenfalls kaum verwundert, wenn plötzlich ein Herr seinen Zylinder gezogen und sein Inkognito gelüftet hätte. In die Glieder fuhren diese knappen, gestochen scharf artikulierten Rhythmen, die einen noch auf dem Heimweg begleiteten. Um ein Haar hätte man die herrlich aufwallenden Kantilenen mitgesungen. Und erst recht auf der Stuhlkante saß die Philharmonia Zürich, die sich das „con fuoco“ Nosedas mit italienischer Wendigkeit zu eigen machte. Nicht allein durch das hohe Spieltempo, sondern durch den blitzschnellen Wechsel aller Gefühlslagen von der kämpferischen Freude im dynamischen Vollrausch, der vibrierenden Aufgeregtheit, der sehnsüchtigen Liebe, der tobenden Wut bis zur seufzenden Todesgewissheit. Noch der Trauermarsch im vierten Akt hatte Schneid. Und immer wieder Glocken als Mahnmal der ablaufenden Zeit, herbeigezoomte Streicher-Pizzikati und mitleidende Holzbläser in einem ebenso bizarren wie kontinuierlich explosiven Drama, das sich gleichsam selbst verbrennt.

          Noseda stand mit seinem Debüt nicht allein in Zürich, auch die Regisseurin Adele Thomas inszenierte erstmals außerhalb Englands. Ein Glücksfall, denn da hatten sich zwei wahre Diener am Werk gefunden. Das Zauberwort hieß „Wortkulisse“, ein Begriff aus der englischen Theatertradition („word scenery“), was bedeutet, dass die Interpretation immer aus dem Text oder – in der Oper – aus Text und Musik hervorgehen soll. Nichts zu sehen war also von den Überfrachtungen, dem Gerümpel von Standard-Requisiten, der zwanghaften, medial angepassten Aktualisierung und der Egozentrik mancher selbstherrlicher Regisseure auf vielen deutschen Bühnen. Stattdessen eine die gesamte Bühnenbreite ausfüllende Holztreppe und dahinter eine Projektionswand für Wolken, Nebel und für den Rauch des Scheiterhaufens – mehr Ausstattung braucht Annemarie Woods nicht.

          Alles hängt an den Protagonisten und dem Chor, der in seiner Beweglichkeit perfekt mit dem Orchester korrespondiert. Jedes erzählte Wort der Vorgeschichte von Ferrando (sehr profund der Bass Robert Pomakov) und Azucena kommentieren die Chormitglieder in einer virtuosen Choreographie (Emma Woods). Sie gruppieren sich mit jeder Strophe neu, bis alle mit offenem Mund und verzerrten Gesichtern zum lebenden Hieronymus-Bosch-Bild erstarrten. Einerseits Sinnbild des Unbegreiflichen, andererseits – zumal in den gotisch nachempfundenen Kostümen – historische Einordnung im fünfzehnten Jahrhundert, so wie es das Libretto vorsieht, das hier übrigens keineswegs so blödsinnig wirkt wie traditionell behauptet. Entsprechend dürfen Krieger stilisierte Kämpfer mit Lanzen und Schilden sein, Nonnen Zisterzienserinnen mit Heiligenschein und Graf Luna (Quinn Kelsey) ein etwas grobschlächtiger Edelmann.

          Und wie von Verdi ursprünglich gewollt, macht die Regisseurin die Zigeunerin Azucena – in Zürich steht sie politisch korrekt stets in Anführungszeichen – zur Hauptfigur des „Trovatore“. Damit verschiebt sich das gesamte Gefüge der Oper, denn nun kämpfen nicht primär zwei Männer um dieselbe Frau, sondern ein Mann, Manrico, steht zwischen zwei Frauen, seiner Mutter und Leonora. In einer geometrischen Dreierkonstellation und in vielen parallelen Szenen wird dies sinnfällig: der Abschied von der Mutter, um Leonora zu retten, fällt Manrico sehr viel schwerer als der Abschied von Leonora am Brautaltar, um seine Mutter zu retten. Agnieszka Rehlis verkörpert Azucena mit dem Schauder einer traumatisierten Frau. Ihren angenommenen Sohn Manrico liebt sie wie ihren eigenen, aber gleichzeitig bleibt sie Gefangene ihrer eigenen, auf dem Scheiterhaufen verbrannten Mutter, die ihr aufgetragen hat, sie zu rächen. Ihr existenzielles Schwanken zwischen fremdbestimmtem Auftrag und selbstbestimmtem Leben bildet den Grundkonflikt des Stücks und dieser Inszenierung.

          Womit wir bei den weiteren Debüts dieser Premiere wären: Die estnische Sopranistin Marina Rebeka als Idealbild weiblicher Hingabe kann mit ihrer lyrisch-dramatischen Stimme schwärmen und mit wunderbarem Legato große, dynamische Steigerungswellen in eine strahlende Höhe führen, sie kann unendlich traurig sein und geradezu ausgelassen vor Freude an den Koloraturen.

          Ihr zur Seite Piotr Beczała, lange der Herzog vom Dienst in Verdis „Rigoletto“ und jetzt im erweiterten Tenorfach der Troubadour Manrico: traumhaft im ersten Akt aus dem Off mit Harfe, präsent noch in jedem Ensemble, innig und zärtlich zugewandt in den Dialogen mit Leonora und Azucena, ein sensibler Frauenversteher, aber auch getrieben von der Irritation über seine Herkunft. Die lyrischen Wanderungen durch alle Höhenlagen dieser Partie meistert er bravourös, nur die Angst vor dem hohen C in der gefürchteten Arie „Di quella pira“ wird er schon noch verlieren – so wahr ihm Gianandrea Noseda helfe, der neue Zürcher Hausgott dieses Premierenabends.

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