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Pianist und Dichter Alfred Brendel : Gesang ist das Herz der Musik

„Die Musik existiert schon in der Partitur, sie schläft. Der Interpret hat das Privileg, sie aufzuwecken oder vielmehr: sie wachzuküssen.“ Alfred Brendel im Sommer 2008 in seinem englischen Landhaus Bild: Helmut Fricke

Alfred Brendel feiert an diesem Dienstag seinen 85.Geburtstag. In London sprechen wir mit ihm über die Vorteile der Schwerhörigkeit, seine junge Liebe zum Streichquartett, über Gesang, Werktreue, Streaming und über das Komische in der Musik.

          Herr Brendel, Sie sind ein Dichter-Musiker, das ist eine selten gewordene Spezies. Welchen Einfluss hat die Tonkunst auf Ihre Gedichte oder umgekehrt?

          Eleonore Büning

          Redakteurin im Feuilleton.

          Lange Zeit habe ich nur über Musik und über Musiker geschrieben. Da ist die Verbindung offenbar. Als ich dann begann, Gedichte zu schreiben, war die Lage natürlich anders. Ich war nicht mehr ein musikalisches Sprachrohr – so, wie ich ja auch als Pianist die Stücke von anderen spielte –, vielmehr sprachen die Gedichte, Texte oder wie man sie nennen will, aus mir heraus. Es waren Wörter, die sich in mir angesammelt hatten. Ich hatte viel gelesen, und mit der Zeit hatten sich die Wörter heimlich zu einer Art Privatsprache entwickelt. Es war eine Sprache, die ich „hörte“ – und bei der viel darauf ankommt, wie man sie spricht. Diese Sprache war manchmal komisch, dafür bin ich dankbar. Es gibt aber Leute, die das Komische nicht so schätzen.

          Ja, seltsam. Vielleicht, weil sie den Witz nicht verstehen? Es gibt auch in der Musik immanent komische Stellen, Formbrüche, Trugschlüsse und dergleichen, die man eigentlich nur verstehen kann, wenn man Musiker ist.

          Nein, das glaube ich nicht. Das können alle Musikfreunde verstehen, auch die, die keine Musiker sind. Eine Voraussetzung ist vielmehr, dass sie Humor haben, und das ist leider nicht bei jedem Menschen der Fall. Ich habe festgestellt, dass es sogar eine Abneigung gibt gegen das Komische, bei manchen Leuten. Sie sind stolz auf ihren Ernst, sie wollen erwachsen sein und nicht mehr kindisch. Dazu gehöre ich nicht.

          Abgesehen vom Dichten, haben Sie auch selbst gemalt. Und Sie sind, wenn man sich bei Ihnen so umsieht, offenbar auch ein Sammler...

          (seufzt) Gott, ja. Sammeln ist ein großes Wort. Stimmt, ich habe ein paar Sachen. Und es gab bei mir mal eine kurze „Geniezeit“, wie das bei Heranwachsenden nicht selten vorkommt, zwischen fünfzehn und siebzehn. Da habe ich einfach alles gemacht, außer Skulpturen. Ich habe damals komponiert, gezeichnet, gemalt, geschrieben. Ich schrieb vierundzwanzig Sonette in einem Zug, die schön klingen, aber überhaupt nichts bedeuten. Anschließend war ich von dieser Form für immer geheilt (lacht).

          Heißt das, im Umkehrschluss, wenn Sie heute freie Versformen bevorzugen, dass die dann Sinn und Bedeutung haben?

          Nein! So nun auch wieder nicht. Sinn allein macht wenig Sinn!

          Wie bitte?

          Sinn ist immer auf einen bestimmten Bereich eingeschränkt. Aber für den Unsinn sind die Grenzen des Intellekts weit geöffnet, das geht weiter ins Unendliche. Kurt Schwitters sagte einmal auf die Frage, was er wichtiger fände, er würde sich im Zweifelsfall lieber für den Unsinn entscheiden. Das hat er auch getan. Bei mir, in meinen Gedichten, ist es, glaube ich, eher eine Balance zwischen Sinn und Unsinn. Eine Verbindung, die ich sehr schätze!

          Sie pflegen Ihre Gedichte selbst vorzutragen...

          Ja, meine Gedichte sind Sprechgedichte, keine Lieder. Sie vermeiden Vers und Reim. Es gibt da keine vier- und achttaktigen Perioden, sondern freie Rhythmen. Man fährt nicht auf einer Vers-Schiene, insofern bewegen sich die Gedichte ähnlich der neuen Musik.

          ... und Sie haben viele große Liedsänger begleitet. Ist das ein Sonderfall der Wort-Ton-Balance?

          Ich sah mich nie als Begleiter, sondern als Partner. Es war Fischer-Dieskau, der vom Pianisten erwartete, Partner zu sein, was bedeutete, dass er ebenso auf mich hörte wie ich auf ihn. Die Sprache sollte der Musik ebenbürtig und nicht untergeordnet sein. Vokale, aber auch die Konsonanten sollten den Hörer gleichsam dreidimensional beeindrucken, (wie bei Lotte Lehmann). In einer Zeit, die den Flügel bei Liederabenden ganz öffnet, erlebt man das aber nur noch selten. Der Sänger klingt, als sei er im Flügel drin und nicht davor. Niemand hat früher Lieder oder Kammermusik mit großer Stütze gespielt.

          Singen Sie auch selbst, bei Gelegenheit? Und gehen Sie heute noch ab und zu in Liederabende? In die Oper?

          Gesang ist für mich das Herz der Musik. Ich singe innerlich, aber ich spiele auch in meiner Vorstellung Geige, Oboe oder Posaune, oder ich dirigiere ein ganzes Orchester. Ich bin viel in die Oper gegangen, aber jetzt kaum mehr, seit meinem Hörsturz vor drei Jahren. Was ich heute immer noch schön hören kann, ist die Geige.

          Ist das eine Art partielle Schwerhörigkeit?

          Sämtliche Geräusche sind verdreifacht. Wenn ich hier auf den Holzboden einen Löffel fallen lasse, ist das wie eine Explosion. Innerhalb dieser Hörzone ist manches auch verzerrt. Dann kommt es auf die Tageszeit an, abends höre ich besser als morgens. Und freundlicherweise kann ich, wie gesagt, die Geige immer noch sehr genau hören: im Timbre, im Ausdruck, in der Intonation, alles. Ich gehe ins Konzert, um mir junge Geiger anzuhören, und ich kann heute, was ich immer schon gerne getan habe, sehr gut mit Streichquartetten arbeiten. Da habe ich Spaß dran! Es gibt so erstaunlich viele sehr gute junge Geiger! Und vor allem: Geigerinnen! Die Hälfte der Streichquartette hat heute eine Primaria, das ist ein Reichtum, den es früher so nicht gab. Dagegen neulich, im Beethoven-Klavierwettbewerb in Bonn, da war in den letzten Runden nur eine einzige Frau. Geiger interessieren mich heute vielleicht mehr als die jungen Pianisten. Ich könnte Ihnen eine Liste machen von mindestens ein Dutzend Geigerinnen, die ich schon ganz hervorragend gehört habe!

          Ich bitte darum!

          Lisa Batiashvili, Veronika Eberle, Julia Fischer, Hilary Hahn, Viviane Hagner (von der ich das beste Beethoven-Konzert gehört habe, an das ich mich überhaupt erinnern kann). Dann Carolin Widmann (nicht nur mit neuer Musik großartig, auch mit Bach), Janine Jansen (die ich mit einem fabelhaften Tschaikowsky-Konzert gehört habe), Leila Josefowicz, Vilde Frang, Alina Ibragimova ... Die Reihenfolge ist beliebig.

          Das sind noch nicht zwölf ...

          ... und zwei oder drei andere, die mir gerade nicht einfallen! Bei den Streichquartetten ist es ähnlich. Dass ich mit Quartetten arbeite, hatte sich zum ersten Mal ergeben vor dreißig Jahren, mit dem Takács-Quartett. Ich habe dann mit dem Artemis-Quartett gearbeitet, mit dem Belcea-Quartett, mit dem Ebène-Quartett und vielen mehr. Es sind inzwischen unglaublich viele gute junge Streichquartette nachgewachsen. Das Traurige daran ist, dass es immer weniger Publikum für die Kammermusik gibt. Manche Quartette haben das Glück, international zu reisen, andere sind fest an einer Hochschule, aber was sollen all diese vielen guten, sehr jungen Quartette nur machen, um ihr Leben zu bestreiten, wenn nicht im Konzertsaal?

          Ich glaube, sie machen Aufnahmen. Der Kammermusikmarkt ist enorm expandiert in letzter Zeit, ich bin da also eher optimistisch. Wie arbeiten Sie mit den Quartetten? Geht es um Werktreue?

          Es gibt Musiker, die behauptet haben, dass die Musik erst entsteht, wenn sie zum Klingen kommt. Aber ich bin da anderer Meinung. Die Musik existiert schon in der Partitur, sie schläft. Der Interpret hat das Privileg, sie aufzuwecken oder vielmehr: sie wachzuküssen. Und alles, was in den Noten steht, ist dabei wesentlich, das gilt ganz besonders für Beethoven, wenn man sich nämlich seine Reinschriften anschaut (außer im letzten Quartett). Die dynamischen Zeichen kann man bei Beethoven nicht wörtlich genug nehmen. Wenn er ein Crescendo-Zeichen schreibt, dann beginnt das Crescendo genau dort und nicht einen halben Takt später. Pianissimo und Piano sind in der Ausführung zwei sehr verschiedene Dinge, und vom „Pianissimo serioso“, wie Kolisch sagte, geht es bis zum Fortissimo (malt in die Luft), das muss man sich fast geographisch vorstellen, wie eine Landschaft, mit Schluchten und Berggipfeln. So etwas richtig zu realisieren, dazu braucht es sehr viel musikalische Phantasie. Es steckt viel Arbeit darin, aber man muss als Hörer den Eindruck haben, das entstehe im Augenblick: ein Paradox! Computer können so was nicht.

          Jetzt bringt Decca, zu Ihrem Geburtstag, eine mächtige CD-Box heraus. 114 CDs, mit Ihren sämtlichen Aufnahmen für die Firma Philips, die es schon lange nicht mehr gibt. Könnten Sie Aufnahmen benennen, an die Sie sich nicht gern erinnern? Gibt es welche, die Sie mitnehmen würden, wie man so schön sagt, auf die „einsame Insel“?

          Aufnahmen, die ich nicht vertretbar fand, habe ich gleich nach der Aufnahme eliminiert. Dass es auch schwächere Momente und Stunden gibt, ist selbstverständlich – wie nicht? Es gibt auch manche Aufnahmen, die ich vielleicht lieber mit anderen Dirigenten gespielt hätte. Mehr kann ich dazu nicht sagen.

          In der Chronologie Ihrer Aufnahmen spiegelt sich die Geschichte der Tonaufzeichnung von der Vinylplatte bis zur CD. Ist diese rapide Entwicklung technischer Reproduzierbarkeit für die Musik eher ein Segen oder ein Fluch?

          Warum sollte technische Reproduzierbarkeit ein Fluch sein? Es gibt ja auch noch den Ausgleich des Konzertlebens. Übrigens war der technische Fortschritt nicht immer ein Segen. Für meine Ohren gibt es schon in den dreißiger Jahren Klavieraufnahmen, deren Klang unübertroffen bleibt. Und die frühen Beethoven-Aufnahmen des Busch-Quartetts, die ziehe ich immer noch den meisten späteren vor.

          Streamen ersetzt heute die haptische Tonträgerei. Music is in the air, jederzeit für jeden verfügbar, in Häppchen oder in Gänze. Was denken Sie, wo wird das hinführen?

          Vielleicht in die Sphärenmusik. Das wäre mir schon recht, solange neben den Engeln auch ein paar Teufel herumflattern.

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