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Hauptmanns „Ratten“ in Frankfurt : Alles ist morsch!

Ausnahmsweise nicht in der Ringerausgangsstellung: Patrycia Ziolkowska als Frau John in Frankfurt Bild: Birgit Hupfeld

Saisonstart am Schauspiel Frankfurt: Felicitas Brucker nimmt viel Anlauf für ihre Inszenierung von Gerhart Hauptmanns „Ratten“. Doch unter ihrer Regie atmet das Stück nicht, es keucht und hechelt.

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          Warum hat es sich Gerhart Hauptmann mit den „Ratten“ eigentlich so schwergemacht? Naturalismus, Expressionismus, Komödie, Tragödie, eine ganze Wagenladung mit ordentlich aufgetürmten Symbolen, Leitmotiven und literarischen Verweisen, dazu ein Meta-Diskurs übers Theater, Künstlersatire, Sozial- und Zeitkritik, proletarisches Großstadtelend und bigottes Bürgertum – all dies hat Hauptmann zusammengerührt und gut zwanzig Jahre lang eine geeignete Form dafür gesucht. Am Ende hatte der Dramatiker sechzehn Arbeitsphasen zwischen 1887 und 1910 hinter sich, neun verschiedene Fassungen erstellt und in den Monaten vor der Uraufführung den Titel des Stücks beinahe im Wochenrhythmus geändert.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Publikum und Kritik zeigten sich zunächst wenig beeindruckt von all dem Aufwand. Maximilian Harden sprach nach der Uraufführung 1911 von einem „Dutzendmelodram“, verschnitten mit einem Philisterschwänkchen, und Siegfried Jacobsohns erster Befund, den er fünf Jahre später zurücknahm, lautete: „Keine Lehre, kein Sinn, keine Erschütterung, kein Lächeln und nicht einmal irgend ein grober Theatereffekt“.

          Das war in seiner Polemik zwar schon damals nicht richtig, lässt sich aber noch immer nachvollziehen. Literatur- und theaterhistorisch betrachtet, sind „Die Ratten“ zwar nach wie vor ein interessanter Fall, aber wer das Stück heute unbefangen liest, wird feststellen, dass die Lektüre ein reichlich durchwachsenes und eher fades Vergnügen geworden ist – allerdings längst nicht so fade und leerlaufend wie der Abend, mit dem das Schauspiel Frankfurt jetzt die neue Spielzeit eröffnet hat.

          Gelegentliche Dehn-, Zuck- und Schüttelanfälle

          Denn die Inszenierung von Felicitas Brucker – als Ersatz für eine ursprünglich vorgesehene Arbeit der erkrankten Regisseurin Mateja Koležnik kurzfristig eingeschoben – hat zwar eine Form, aber keinen Rhythmus. Diese Inszenierung atmet nicht, sie rasselt, keucht und hechelt. Nie kommt sie zu sich, sondern bleibt zwei Stunden lang Anspannung und Ambition. Die Berliner Mietskaserne, in der Frau John wohnt und auf deren Dachboden der ehemalige Theaterdirektor Hassenreuter seinen Kostümverleih betreibt, ist in Frankfurt ein gläsernes Rondell, ein transparentes Hamsterrad, das Dirk Thiele Galizia in die Horizontale gedreht und mit zwei Rampen versehen hat. Wie in Andrea Breths psychologisch feinziselierter Inszenierung des Stücks am Burgtheater kennt das Bühnenbild kein oben und unten mehr, sondern nur den Kreisverkehr und die unablässige gegenseitige Beobachtung.

          Die Kostüme von Irene Ip: zeitlos belanglos wie bei Andreas Vöglers Maurer John oder kurz davor, die Figur der Lächerlichkeit preiszugeben, wie bei Sebastian Kuschmanns Hassenreuter, der Lackschühchen, Strampelanzug oder Strumpfhosen tragen muss. Samuel Simon als Erich Spitta, ein Theologiestudent im Brautkleid, ist mal wieder ein bisschen queer, Peter Schröder als sein Vater wahrt bewundernswert die Pastorenwürde, und Friederike Ott als Prostituierte Alice Knobbe (und als Hassenreuters frühere Flamme Alice) ist ein gefallenes, heftig züngelndes Schlänglein, das wie die anderen auch gelegentlich von expressionistischen Dehn-, Zuck- und Schüttelanfällen gepackt wird.

          Anlauf wofür eigentlich?

          Vom ersten Moment an, wenn der Vorhang hochgeht, sieht man Patrycia Ziolkowska als Mutter John in jener Haltung, die sie im Laufe des rasch monoton wirkenden Abends immer wieder einnehmen wird: in den Hüften eingeknickt, den Oberkörper leicht nach vorn gebeugt, die Arme ausgebreitet, die Beine in Schrittstellung. Eine Art Ringerausgangsstellung. Um festen Stand bemüht und zugleich absprungbereit, gewappnet für Angriff wie Verteidigung, sich dabei kleiner machend, als sie tatsächlich ist. Sie will, sie braucht das Kind, das im Leib des sitzengelassenen polnischen Dienstmädchens Pauline Piperkarcka heranwächst, und sie wird es sich nehmen. Als Sarah Grunerts Pauline Schwierigkeiten macht, muss Bruno ran, Frau Johns Bruder. Fridolin Sandmeyer spielt ihn als Rummelplatz-Spargeltarzan, eine Zeitbombe in Würstchenform, unablässig in Bewegung, tänzelnd, schreitend, rennend. In diesem Körper ist etwas eingesperrt, das hinausmuss, um jeden Preis. Bruno, der schräge, geistig zurückgebliebene Mörder Bruno ist die einzige Figur, von der man mehr wissen möchte, als sie auf den ersten Blick preisgibt.

          Ein Abend wie ein einziges, endloses Anlaufnehmen. Aber Anlauf wofür eigentlich? Als Frau Johns Schwindel aufgeflogen ist, bringt sie sich um. Kurz zuvor ruft ihr Mann verzweifelt: Alles ist morsch! Hauptmann drängt seine Figuren an den Rand des Abgrunds, die Inszenierung lärmt über ihn hinweg.

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