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Peter Brook ist gestorben : Der Mann, der an das Theater glaubte

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Er begriff seine Arbeit als nie fertig: Peter Brook Bild: dpa

Er war das Regiegenie der größten Einfachheit. Und seine Entdeckungsreisen zum Mittelpunkt des Menschen wurden zu großen Festen des Welttheaters: Zum Tod von Peter Brook.

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          Es genügte ihm: ein Viereck. Auf dem Boden. Ungefähr in der Größe eines Zimmers. Oft aus Sand. Manchmal, wenn es hochkam, in Form eines Teppichs. Drum herum ein paar Kissen, in seltenen Fällen Stühle. Im Zentrum aber: seltsame Menschen. Ein junger Mann namens Hamlet zum Beispiel, ein wuschellockiger schwarzer Prinz, mitten aus einer afrikanisch-dänischen Königsdynastie, der aus der Pein, die Welt anschauen und sie ganz auf seine staunenden Augen laden zu müssen, eine große Tragödie machte – nach der die Welt vollkommen umgestürzt, weil durchgeschaut (nicht durchschaut!) schien. Und der augenmenschliche Theaterzauberer Peter Brook unternahm mit Shakespeares Held eine grandiose Abenteuerreise in die Abgründe der allereinfachsten Frage: Wer ist da (Qui est là)? Wen schauen wir an, wenn er uns auf diese neugierige Frage mit „Ich“ antwortet?

          „Mein Gehirn ist’s gewesen!“

          Oder die sehr kleine Frau; schwarze Haare, zu Zöpfchen gebunden; schwarzer Hosenanzug; mausdünne, verschreckt amüsierte Gesichtszüge. Sie hat eine gigantische Schreckensladung im Gehirn: verdammt dazu, sich jede Zahl, jede Farbe, jede Person, jede Szene, schlichtweg alles merken und es erinnernd wiederholen zu müssen, nichts aus ihrem Gedächtnis löschen zu dürfen. Und wo die gewissenlose Hirnforschung aufs Schuld-Ablade-Mantra „Nicht ich bin’s, mein Gehirn ist’s gewesen!“ sich zurückzieht, da ging der gewissenhafte hirnforschende Theateruntersucher Peter Brook den entgegengesetzten Weg.

          Der szenische Rechercheur, der sich schon auch mal mit dem hirnversehrten „Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte“ von Oliver Sacks theatralisch auseinandersetzte und den die Phänomene der Verrückungen im edelsten und kompliziertesten Organ des Menschen staunend hinrissen, unternahm mit der sehr kleinen Frau eine Abenteuerreise in die Abgründe und in die Würde menschlichen Wahrnehmens und Begreifens hinein – so lange, bis sie auf dem unendlichen Kontinent des Unbegreifbaren die zwei kleinen Worte „Ich will!“ begriff. Und ihren freien Willen entdeckte.

          Und sowohl Hamlet in Shakespeares Augen-Land (2002) wie die sehr kleine Frau im Staun-Land, eben dem „Valley of Astonishment“ (2014), erlebten große Feiern des Theaterglücks, das darin besteht, spielend eine Welt zu bauen, zu durchleben und zu durchwundern, die anders nicht zu haben ist als in einem Raum, in dem Menschen zusammenkommen, um das drinnen zu einer Wirklichkeit zu machen, was sich jeder Wirklichkeit draußen entzieht. Ihr entgegensteht. Sie übertrumpft. Sie umwirft. In Schönheit, Grausamkeit und Aberwitz.

          Klug und lustvoll fromm

          Peter Brook, der König des Welttheaters, war das Regiegenie der größten Einfachheit und neben Ariane Mnouchkine vielleicht die einzige Theatergröße von Weltrang, die fast kindlich, staunend und forschend, rein und klar, klug und lustvoll fromm ans Theater glaubte. Und wie die Mnouchkine, die Kommandeuse des „Sonnentheaters“ (Théâtre du Soleil) in Vincennes, ließ er auch nie von seinem Theater. Saß Abend für Abend dabei, machte sich Notizen, begriff seine Arbeit als endlos, nie fertig. Ein kleiner, schmaler Mann mit schlohweißem Haarkranz, hellsten Augen, jederzeit bereit, einzugreifen, neue Fragen zu stellen.

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