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Gerhard Polt zum Siebzigsten : Fast wia im richtigen Leben

Mit wenigen Strichen reißt er menschliche Abgründe auf: Gerhard Polt Bild: dpa

Resigniert wird nicht, solange dieser Satiriker die Paradoxien des Alltags vorführt. Dem Menschenfischer und Metaphysiker des Stammtischgeredes Gerhard Polt zum Siebzigsten.

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          In dem frühen Stück „Der Hundebesitzer“ sitzt Karlheinz Halter mit seinem Schäferhund auf der Parkbank eines Kinderspielplatzes. Der Hund erledigt gerade sein Geschäft, und Halter monologisiert in perfider Bösartigkeit vor sich, er habe die Kinder immer gewarnt: „Finger weg, sag ich, ein Schäfer ist kein Spielzeug. Dann lobt er den „onbedängten Gehorsam“ des Tieres, um schließlich seine Machtphantasie auszuspielen. „Und wenn ich ,Fass’ sag und auf Sie zeig, dann packt er Sie. Und net zu schlecht. Ich hab’s schon ein paarmal erlebt, was er dann macht. Natürlich nur, wenn ich ,Fass’ sag, aber i sag ja net ,Fass’. Sie brauchen da gar keine Angst haben, i sag jetzt net ,Fass’.“

          Hannes Hintermeier

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.

          Mit wenigen Strichen ist hier ein menschlicher Abgrund aufgerissen, die Figur des Hundebesitzers ist heute so überzeugend und aktuell wie im Jahr ihrer Entstehung 1981. Damals war der 1942 in München geborene Gerhard Polt schon wer - nämlich der Polt. Den Deutschen Kleinkunstpreis hatte er im Jahr davor bekommen, Schallplatten, Bühnenauftritte und die Fernsehserie „Fast wia im richtigen Leben“ hatten ihn innerhalb weniger Jahre in die erste Reihe des deutschen Kabaretts katapultiert. Dort steht er heute noch, ohne je wirklich zu jener Spezies gehört zu haben, die ihr Einkommen aus der Verwertung des politischen Betriebs bezieht. Polts Auftritte blieben immer dosiert, stets hat er es vermieden, sich der Mediengesellschaft aufzudrängen.

          Was weiß das Kinopublikum von seiner Bühnenpräsenz?

          Als Satiriker ist Polt ein Menschenfischer, obwohl er mit dem Papst und dem katholischen Glauben nichts am Hut hat. Was womöglich mit seinen Kindheitsjahren im Wallfahrtsort Altötting zu tun hat. Die Jugend verlebte er in den Bombenruinen der Münchner Maxvorstadt, das Studium hatte einen Schwerpunkt in der Skandinavistik. Dann lockte ihn Gisela Schneeberger auf die Bühne. Mit dem Hörspiel beginnend, hat Polt alle Medien für sich genutzt, durchaus mit unterschiedlichem Erfolg.

          Im Zwangsjanker: Gerhard Polt in „Offener Vollzug“ Bilderstrecke

          Die Revuen an den Münchner Kammerspielen (darunter „München leuchtet“ 1983 und „Tschurangrati“ 1993) waren dauerausverkauft; der heute als Klassiker geltende Film „Kehraus“ (1983) war kommerziell ein Flop. Die Faszination der Kinoleinwand hat Polt nie losgelassen, obwohl „Man spricht deutsch“, „Herr Ober!“ und „Germanikus“ nicht im entferntesten einen Eindruck von seiner Bühnenpräsenz vermitteln. Mehr als drei Jahrzehnte tourte er mit der Biermösl Blosn durch halb Europa, bis sich die Well-Brüder unlängst zur Trennung entschieden.

          Ein Metaphysiker des Stammtischgeredes

          Obwohl er sich auf vielen Feldern ausprobiert hat, ist er im Innersten ein Nachfahre der antiken Sänger geblieben. Nur dass er nicht Heldentaten besingt, sondern seine Heroen bei den kleinen Leuten und den Technokraten der Mittelschicht findet. Die vermeintliche Banalität seines Personals fasziniert Polt, er will wissen, wie diese Menschen ticken. Er mag seine Figuren, seien sie noch so zwielichtig.

          Mit den Mitteln des Theaters kommt Polt seinen Figuren näher als jede Fernsehdokumentation. Unvergleichlich seine Kunst der schweigenden Eröffnung. Es kann dauern, bis er das erste Mal etwas sagt - „Sicher, ja“- und sich dann an eine politisch inkorrekte Frage herantastet. Als Metaphysiker des Stammtischgeredes verkörpert er das kleinbürgerliche, fremdenfeindliche Ressentiment - und überhöht es, indem er dessen Paradoxien offenlegt: „Und wenn eine Minderheit noch ein bissl ein Hirn hat, dann muss sie doch kapieren, dass sie selber die Ursache für die Mehrheit ist.“

          Mit dem Bilanzieren hat er es nicht

          Mit diesem Blick auf die Welt hat Gerhard Polt es als praktizierender Lebenskünstler, Langsamfahrer und Tennisspieler fertiggebracht, ein sesshafter Kosmopolit zu werden, der am Schliersee und in Terracina siedelt. Seinem Ideal, der Existenz eines lesenden und denkenden Bootsverleihers, ist er recht nahe gekommen. Sein Werk liegt auf CD, DVD und in Buchform vor, zahlreiche Preise säumen seinen Weg. Er könnte sich im Bewusstsein, als moderner Klassiker den Anschluss an Karl Valentin, Helmut Qualtinger oder Dieter Hildebrandt geschafft zu haben, zurücklehnen. Mit dem Bilanzieren aber hat er es nicht, und über den Tod gibt es bei ihm, anders als bei den österreichischen Kollegen, vergleichsweise wenig.

          Dazu wohnt und lebt Gerhard Polt zu gern. Ans Aufhören denkt er zum Glück nicht. In der Schublade liegt ein Drehbuch über Hitler und die Frauen, das hat er in einem soeben erschienenen Gesprächsband Herlinde Koelbl verraten. Dort hat er auch die Anschaffung und damit Vorfinanzierung eines Sarges abgelehnt. Schließlich wird Gerhard Polt an diesem Montag auch erst siebzig Jahre alt.

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