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„Square Dance“ in Duisburg : Wie einander anziehende Planeten

  • -Aktualisiert am

Szene aus „Symphonic Poem“ von Remus Sucheana Bild: F.A.Z.

George Balanchines „Square Dance“ wird in Duisburg aufgeführt. Und auch wenn Chefchoreograph Martin Schläpfer genauso hart arbeitet wie Balanchine, fehlt ihm dessen Verwandlungskunst.

          3 Min.

          George Balanchine war ein glücklicher Einwanderer in New York. Geboren im Januar vor hundertsechzehn Jahren unter zaristischer Herrschaft, beobachtete er als Kind aus den Kulissen des St. Petersburger Theaters die Werke seiner großen Vorgänger. In New York angekommen, war er immens stolz, den klassischen Tanz in die Vereinigten Staaten gebracht zu haben. Bis dahin hatten die Barfußtänzer der Moderne dort ihr avantgardistisches Wesen getrieben. Einige Jahre überlebte er durch Arbeit am Broadway, dann gründete er seine „School of American Ballet“ und das „New York City Ballet“, die strahlendste zeitgenössische Ballettcompany, die die Welt je sah. Das Thema seiner Tanzkunst: der Tanz selbst, seine Musikalität, seine aktuelle, pure Schönheit, sein Großstadt-Tempo, seine Sensibilität und Souveränität.

          George Balanchines Nachdenken über Tanz ließ ihn Traditionen erkunden, um diese radikal umzuwandeln. Dazu zählten auch die Bewegungen aus Volkstänzen. Im Duisburger Theater, wo das Ballett am Rhein jetzt die Premiere des zweiundvierzigsten Ballettabends unter der demnächst zu Ende gehenden Ägide von Martin Schläpfer feiern konnte, enthielt „b.42“ jetzt als faszinierendstes Stück des Programms Balanchines „Square Dance“.

          Zum ständigen Bruch mit Vorherigem verurteilt

          An diesem Stück, das bei der Uraufführung 1957 noch mit „Fiddler“ und „Caller“ besetzt war, die wie im wirklichen Square Dance musizierten beziehungsweise die zu tanzenden Figuren einriefen, kann man diese Inspiration durch die Kenntnis reichlich vorhandenen Materials und ihre scheinbar mühelose Verwandlung in Neues studieren. Paare finden sich in Kreisen zusammen, Paare bilden Schlangen, die unter den erhobenen Armen anderer Paare hindurchtanzen wie unter einem Tor. Zum Ende treten die Frauen links aus den Gassen und bilden eine Reihe, während die Männer von rechts aus dem Dunkel treten. Über die Breite der Bühne hinweg schauen sie einander in die Augen, bevor sie aufeinander zutanzen.

          Durch die Kompositionen Arcangelo Corellis und Antonio Vivaldis holt Balanchine in diese modernen Konstellationen der Frauen und Männer eine Zeitentiefe hinein, die Erinnerung an die höfischen und dorffestlichen Ursprünge des Paartanzens. Natürlich gibt es ein zentrales Paar und andere halbsolistische Auftritte, aber das gemeinschaftliche Tanzen steht im Vordergrund. Dadurch gewinnt das Verhältnis von Frau und Mann in diesem Stück eine beinahe archaische Qualität. Ihr Tanzen in diesen grundsätzlichen Formen, diesen althergebrachten Formationen schenkt ihrer Begegnung etwas vom Individuellen Abstrahierendes, als würden sich Mann und Frau wie Planeten anziehen und seien in ihrer Beobachtung, Annäherung und Vereinigung Teil natürlicher Kreisläufe.

          Diese Natürlichkeit, mit der das alles mitschwingt, und das atemberaubende Tanztempo, in dem das alles stattfindet, verbinden sich zu stupender Intensität. „Square Dance“ ist ein Klassiker, denn man möchte es sofort noch einmal sehen, man kann außerdem schwer sagen, wann es entstanden sein könnte, und irgendwie spielt das auch wie bei Vladimir Nabokovs Romanen überhaupt keine Rolle. Muss das Ballett am Rhein noch eine Weile härter trainieren, um diese Schwierigkeiten nicht nur zu meistern, sondern souverän auszustellen, als wäre das ein Spaziergang, so sticht hier in Bart Cooks Einstudierung unter den sowieso besser als die Frauen tanzenden Männern einer hervor, einer, der es wirklich spielen kann: Orazio Di Bella. Jenes Solo zur Sarabande von Corelli, das Balanchine 1976 in seiner Neubearbeitung des Balletts einfügte, war für Bart Cook geschrieben. Es ist eines der überzeitlich schönsten Adagios der Tanzgeschichte, und Di Bella geht so auf in seinen Bewegungen, als schaute Balanchine ihm aus der Gasse dabei zu.

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          Aus vielerlei Gründen ist „Square Dance“ so besonders – es trägt die russische Herkunft des Balletts in sich und seinen amerikanischen Siegeszug, Folkloristisches und Raffiniertes. Kleine, battierte Sprünge lassen an Cowboys und Rodeos denken, an Bilder der über die Weiten Nevadas und Arizonas galoppierenden Wildpferde, die Balanchine liebte. Und es hat eine berührende Entstehungsgeschichte. Als es erarbeitet wurde, war Balanchine nach einem Jahr Abwesenheit zurückgekehrt. So lange hatte er seiner an Kinderlähmung erkrankten und an den Rollstuhl gefesselten Frau, der Ballerina Tanaquil Le Clercq, nicht von der Seite weichen wollen. Manche glaubten damals, er würde es gar nicht über sich bringen, weiterzuarbeiten. Dann schuf er „Square Dance“ und gleich drei weitere stilistisch vollkommen unterschiedliche Werke.

          Natürlich ist es nicht nur schwer, diesem Werk als Tänzer gerecht zu werden, es ist auch schwer, andere Werke am selben Abend danebenzustellen. Remus Sucheanas Uraufführung „Symphonic Poem“ zu Anna Thorvaldsdottirs dramatischer und klangintensiver Auftragsmusik für die Duisburger Symphoniker blieb in seiner Kürze und anthroposophischen Farbgebung ein kleines Märchen ohne Handlung. Männer in ärmellosen Kutten und Frauen unter Hütchen tänzelten über die Bühne wie durch ein Kostümfest im Wald.

          Das Abschlussstück, Martin Schläpfers noch in Mainz uraufgeführtes Mendelssohn-Bartholdy-Ballett „Reformationssymphonie“, beginnt interessanterweise mit einem langsamen Solo, das sich zu einem Männer-Trio entwickelt. Aber dann leidet es an seinem eigenen Schema, ständig die Bewegung zu Stillleben einzufrieren und zweitens den Männern eine geziert feminine, ausgebremste Ästhetik aufzuerlegen, deren Manierismen auch von Frauen ausgeführt als Kunstwollen verstören könnten. Das ist das Gegenteil von Balanchines Kunstverständnis. Schläpfer arbeitet genauso hart wie er, aber er ist kein glücklicher, eleganter Verwandler, sondern einer, der sich selbst zum ständigen Bruch mit Vorherigem verurteilt sieht.

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