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Haas-Oper „Koma“ in Klagenfurt : An der Schwelle des Todes

  • -Aktualisiert am

Weder den Ärzten noch den Apparaten gelingt es, zur Koma-Patientin Michaela einen Zugang zu finden. Bild: Arnold Pöschl

Georg Friedrich Haas hat seine Oper „Koma“ nochmals umgearbeitet. In Klagenfurt hinterlässt das Stück auch wegen der Sänger einen starken Eindruck.

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          Es wird nach Herzenslust gewürgt, erdolcht, erschossen in der Geschichte der Oper. Doch abgesehen vom traumatischen Mord ist das natürliche Sterben selten so präsent wie im Finale von Giacomo Puccinis „La Bohème“. Insofern war es wagemutig, dass Georg Friedrich Haas mit „Thomas“ (2012) das Siechtum eines Krebskranken ins Zentrum eines Musiktheaters stellte und mit „Koma“ (2015/19) schließlich ins verdunkelte Bewusstsein einer Wachkomapatientin drang. Dementsprechend schwarz bleibt selbst die Beleuchtung der Notausgänge im Klagenfurter Stadttheater. So erfüllt beklemmende Stille den erfreulich vollen, gänzlich finsteren Zuschauerraum. Bis von der Empore leise, klagende Melodien eines Soprans zu hören sind, die über einer dunklen, wie erstarrt wirkenden mikrotonalen Klangfläche schweben.

          Mit dieser Bildverweigerung zieht Haas das Publikum förmlich hinein in die dunkle Welt von Michaela Windisch, die nach einem an Suizid grenzenden Badeunfall an der Schwelle des Todes verharrt, noch nicht tot, aber auch nicht wirklich lebendig. Nach den Schwetzinger Festspielen wagte sich nun das Klagenfurter Stadttheater an die österreichische Erstaufführung dieses kühnen Werks, in dem die Erstarrung Michaelas im Mittelpunkt steht, die (dargestellt von einer Statistin) im Krankenhausbett auch von ihren nächsten Verwandten umsorgt wird.

          Für die Klagenfurter Produktion nahm Haas einige gravierende musikalische Umarbeitungen vor. Dem Spitalspersonal waren in der ursprünglichen Partitur nur Sprechstimmen zugeordnet. In der neuen Fassung sind nun auch Ärzte und Pfleger mit Sängerinnen und Sängern besetzt, allesamt mit tiefen Stimmen: zwei Mezzosopranen (Christiane Döcker und Veronika Dünser), einem Bassbariton (Raphael Sigling) und zwei Bässen (Karl Huml und Evert Sooster).

          Ein tadelloses Sängerquintett

          So groß der Gewinn der neuen, dunkel auskomponierten Teile musikalisch auch ist, so birgt die Umarbeitung doch eine Gefahr: Konnten den gesprochenen medizinischen Kommentaren einige wichtige Hintergrundinformationen zu der vom Librettisten Händl Klaus in knappen Sätzen skizzierten Handlung entnommen werden, so ist es nun oft schwer, den Texten zu folgen. Und Übertitel verbieten sich in der Dunkelheit natürlich. Überdies hatte die Konfrontation der meist lakonisch gesprochenen Diagnosen der Mediziner mit der wie entrückt schwebenden Stimme der Patientin einen bestürzenden Reiz.

          Trotz dieser kleinen Einschränkung ist die Wiederbegegnung mit Haas’ oratorischem Werk, das seine dramatische Spannung nur durch die Erzählungen der Verwandtschaft über die Brutalität der Mutter Michaelas und die etwas zu innige Beziehung zu ihrem Vater gewinnt, allemal lohnend. Zumal das Kärntner Sinfonieorchester unter der kundigen Leitung des jungen Niederländers Bas Wiegers mit sehr genau ausbalancierten Klängen überzeugt. Hut ab vor dem Mut, die keinesfalls einfachen, mikrotonal schillernden Klangflächen der Musik stellenweise in völliger Dunkelheit mit solch einer Sicherheit zu spielen. Wiegers bevorzugt eher weiche Linien, modelliert auch die Übergänge sehr genau, packt an den wenigen hochdramatischen Stellen der Partitur aber auch kräftig zu.

          Für die Regie bleibt aufgrund des Lichtkonzepts der Partitur nicht allzu viel Spielraum: Denn neben der Dunkelheit der Komapatientin ist auch der medizinische Alltag nur im „Schattenriss“ präsent; lediglich die Erinnerungen der Verwandtschaft spielen sich dann im „Tageslicht“ ab. Der Regisseur Immo Karaman, dessen Bühnenbildnerin Nicola Reichert einen fast leeren, nur mit medizinischen Geräten bestückten Raum zeigt, erzielt mit Hilfe der Videos von „Bordos.ArtWorks“ dennoch einige symbolträchtige Effekte. Da gleiten graue, meist in Rasterstrukturen angelegte Projektionen übers Bühnenportal, um allmählich den Blick auf die Wirklichkeit zu verschleiern. Ein tadelloses Sängerquintett komplettiert den hervorragenden Eindruck dieser Aufführung: Ruth Weber, bereits bei der Schwetzinger Uraufführung von „Koma“ dabei, beeindruckt mit ihrem schwerelos scheinenden Sopran als Michaela; nicht minder geschmeidig ist der Bariton Stefan Zenkls als deren Ehemann Michael. Bryony Dwyer als Michaelas Schwester Jasmin schraubt sich in ähnlich jenseitige Höhen wie der Countertenor Daniel Gloger als schrille Mutter, der als Bariton dann auch zum Schwager Alexander mutiert.

          Mit dieser Aufführung stellt das Klagenfurter Stadttheater, dessen Intendant Florian Scholz auf eine Mischung aus fesselnd inszenierten Repertoirestücken, Raritäten und Zeitgenössischem setzt, erneut unter Beweis, dass es derzeit eine der spannendsten Länderbühnen Österreichs ist.

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