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Salzburger Festspiele : Gemeinschaft in schwieriger Zeit

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Die Stadt als Kulisse: Salzburg mit dem Festungsberg, im Vordergrund der Dom. Bild: ddp

Vor hundert Jahren fanden die Salzburger Festspiele zum ersten Mal statt. Sie träumten von einem durch Kultur geeinten Europa – eine Idee, die dabei ist, zum Relikt zu werden.

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          Lissabon 1755 – das große Erdbeben – ist zu einem geschichtlichen Markstein geworden: Inbegriff der Erschütterung des Glaubens an die Harmonie zwischen Gott und der Welt. Der Optimismus, dass alles in einem höheren Sinne gut genannt werden kann – im Sinne der Leibniz’schen Theodizee –, ging verloren. Die Frage, warum der Herrgott schrecklichste Dinge zulässt, stellt sich nach den Urkatastrophen des zwanzigsten Jahrhunderts abermals – nun in der Zeit einer Pandemie mit ihren katastrophalen Folgen: wirtschaftlich und zivilisatorisch durch die Gefährdung, wenn nicht Zerstörung einer Gemeinschaft von Menschen unterschiedlicher Kultur-, Religions- und Sprachzugehörigkeiten, wie sie sich seit 1920 bei den Salzburger Festspielen einfindet. Sie sind, mit einem emphatischen Wort von Bazon Brock, zu einer „europäischen Agentur einer Weltzivilisation“ geworden.

          In den beiden letzten Dekaden waren es jährlich mehr als zweihunderttausend Besucher aus mehr als fünfzig Ländern, die sich zu einer „transkulturellen Begeisterungsgemeinschaft“ (nochmals Brock) einfanden in der Stadt, die nicht geographisch, aber kulturell im Zentrum Europas liegt; der Stadt, die geprägt ist von italienischer Architektur und Kunst; die ganz und gar Bühne ist mit ihren Kirchen und Residenzhöfen als Spielstätten für Staatstragödien, Fastnachtsspiele, Passionen und Opern; in der Stadt endlich, in der Wolfgang Amadeus Mozart geboren wurde.

          Wenn es den Inbegriff des Europäers gibt, dann Mozart, und wenn einer für die herausfordernde und integrative Kraft der Musik steht, ist es er. Er war ein europäisches Durchkreuzungsphänomen, sein Werk stellt die Synthese der europäischen Kulturtradition dar. Seinem Erkenntnisdrang, einem anthropologischen Erkenntnisdrang, verdanken wir eine Vielzahl liebender und leidender, rasender und rächender, verführender und duldender Figuren; verdanken wir viel von dem, was wir als Gefühlswahrheit oder Gefühlswissen in uns tragen. Es war Hans Richter, der Dirigent der Bayreuther „Ring“-Uraufführung von 1876, der 1886 vorschlug, auch in Salzburg Festspiele ins Leben zu rufen. Die Gründung fiel in die Zeit des größten Kulturbruchs – in die des Ersten Weltkriegs.

          An diesen Bruch hat Stefan Zweig in seinem 1942 veröffentlichten Buch „Die Welt von Gestern“ erinnert. Es sei schwer, schrieb er im Exil, der Generation von heute, die in Katastrophen, Niedergängen und Krisen aufgewachsen sei, das Weltvertrauen zu schildern, die junge Menschen der Jahrhundertwende beseelten. „Vierzig Jahre Frieden hatten den wirtschaftlichen Organismus der Länder gekräftigt, die Technik den Rhythmus des Lebens beschwingt, die wissenschaftlichen Entdeckungen den Geist jener Generation stolz gemacht; ein Aufschwung begann, der in allen Ländern unseres Europas fast gleichmäßig zu fühlen war. Die Städte wurden schöner von Jahr zu Jahr. Überall entstanden neue Theater, Bibliotheken, Museen. Eine wunderbare Unbesorgtheit war damit über die Welt gekommen . . . Nie war Europa stärker, reicher, schöner, nie glaubte es inniger an eine noch bessere Zukunft.“

          Wie oft sind es die Zeiten von Mangel, Not und Verzweiflung, in denen Menschen nach Zuflucht oder besser: nach Auswegen in Kultur und Kunst, Poesie und Musik suchen. Der Regisseur Max Reinhardt bezeichnete 1917 in seiner „Denkschrift zur Errichtung eines Festspielhauses in Hellbrunn“ das Festival als Friedensprojekt. Es sei, schrieb er, die bemerkenswerte Tatsache zu verzeichnen, „dass die Kunst, insbesondere die Kunst des Theaters sich in den Stürmen dieses Krieges nicht nur behauptet, sondern ihr Bestehen und ihre Pflege geradezu als unumgängliche Notwendigkeit erwiesen hat“.

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