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Gedichte vom Theaterdach : Die Glocke

André Nicke, Intendant der Uckermärkischen Bühnen Schwedt, liest auf dem Theaterdach ein Gedicht vor. Bild: ZB

Der Intendant der Uckermärkischen Bühnen Schwedt ruft jeden Tag eine Gedicht vom Theaterdach. Er sieht sich nicht im Widerstand gegen die Corona-Einschränkungen, will aber darauf aufmerksam machen.

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          Jeden Werktag zehn vor zehn steigt André Nicke, der Intendant der Uckermärkischen Bühnen Schwedt, auf das Dach seines Theaters. Genauer gesagt: Er steigt auf das Vordach, im Rücken hat er den Bühnenturm. Oben angekommen, trägt Nicke mit Hilfe einer schlichten Flüstertüte ein Gedicht vor. Oder eher: Er ruft es aus. Über die Stadt hinweg, denn das Theater liegt zentral.

          Unten bleiben die Leute stehen, manche zufällig, andere kommen inzwischen regelmäßig. Nicke will ausrufen, bis es mit den Corona-Zumutungen vorbei ist. In Schwedt dachten sie schon, ihr Intendant würde auf diese Weise gegen die Einschränkung im Theaterbetrieb protestieren. Er aber sagt, er sei „nicht im Widerstand, sondern mache sich nur selbst widerständig“.

          Für ihn ist es eine harte Zeit. Sein Haus geschlossen, ungewiss die Zukunft, schon drei Produktionen auf Eis. Das Musical „Linie 1“, die nächste Premiere, auf der Kippe. Und dann soll in diesem Jahr auch noch das Haus runderneuert werden, das einst als Kulturhaus-Koloss in der DDR gebaut wurde.

          „Wir haben unsere Stimme“

          Die Idee mit dem Gedicht kam spontan. „Kirchen haben ihre Glocken, Moscheen ihre Muezzine – und wir haben unsere Stimme.“ Und so sieht er sich als „Kirchenglocke des Theaters“. Um den Nachschub an Gedichten und Texten kümmern sich die Chefdramaturgin, manchmal auch andere aus dem Haus und natürlich Nicke selbst. Friederike Kempner war schon dran, Bettina von Arnim, eine Fabel von Kafka, Verse von Karl May und – mitten im Schnee – Christian Adolph Overbecks „Komm, lieber Mai, und mache“.

          Geburts- und Todestage von Dichtern erleichtern die Suche, eben zum Vollmond fiel die Wahl auf Eichendorff: „Es war, als hätt der Himmel / Die Erde still geküsst“. Bald will der Intendant Rilkes „Panther“ lesen. „Der Panther“ gilt als Gedicht der Pandemie, seit die in Berlin lebende Dichterin Marica Bodrožić den Versen in der Pandemie-Zeit jüngst ihr Buch „Pantherzeit“ gewidmet hat.

          Nickes Ausrufung ist eine von vielen Ideen, mit denen die Theater derzeit auf sich aufmerksam zu machen versuchen. Wie an vielen anderen Bühnen auch gibt es in Schwedt die Möglichkeit, sich am Telefon von Schauspielern Geschichten vorlesen zu lassen oder per Stream kleinere Live-Produktionen gleichsam zu mieten. Aber das mit dem Gedicht hat doch die größte Wirkung. Zumal Nicke auf dem Dach zwischen lauter überlebensgroßen Theaterfiguren steht, die alle einmal in Schwedter Inszenierungen vorkamen und vor zehn Jahren in einem deutsch-polnischen Kunstprojekt an die Fassade des Bühnenturmes gemalt wurden. Was für ein Bühnenbild.

          Frank Pergande

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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