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Jordi Savall wird achtzig : Musik wider den europäischen Selbsthass

Jordi Savall im Februar 2021 Bild: AFP

Jordi Savall hat die Gambe und die Musik der iberischen Halbinsel wiederbelebt. Doch sein eigentliches Interesse gilt dem Dialog der Kulturen. Heute wird er achtzig Jahre alt.

          3 Min.

          Jordi Savall als „Musiker“ zu bezeichnen wäre nur bei arg gestutzten Begriffen sinnvoll. Man müsste dann ergänzen, dass er auch Theologe, Kulturhistoriker und Kunstphilosoph sei. Als Musiker im Sinne von jemandem, der sein Handwerk versteht, Technologien beherrscht, die auf Standardisierung, Fehlerreduktion und Wiederholbarkeit ausgerichtet sind, wäre er nicht angemessen beschrieben.

          Jan Brachmann
          Redakteur im Feuilleton.

          Sicher sind für den katalanischen Gambisten und Dirigenten auch die Bewältigung technischer Probleme, Partiturkenntnis und Stilkunde unerlässlich. Aber schon bei der Arbeit an Spiel und Klang weiß Savall um das Unverfügbare: „Die Interpretation von Musik hat eine magische Dimension; es ist ein Moment, der sich nicht immer ereignen kann. Sein Gelingen hängt von so vielen Dingen ab. Aber wenn er gelingt, dann wirkt da etwas, das stärker ist, als wir es sind. Es ist ein Ereignis, auf das wir nicht allzu viel Einfluss haben, das aber von uns eine bestimmte Bereitschaft erfordert und Konzentration – und Freude“, sagte er einmal in einem Gespräch, in dem er das Musizieren mit der Zen-Kunst des Bogenschießens verglich.

          Das musikalische Erbe der iberischen Halbinsel

          Jordi Savall i Bernadet, im katalanischen Igualada geboren, hat die Gambe, die „Kniegeige“, die eben kein bloßer „Vorläufer des Violoncellos“, sondern etwas qualitativ anderes ist, der Vergessenheit entrissen und wie kein Zweiter wieder in unserer Gegenwart verankert. Dass er die Musik zum Erfolgsfilm „Die siebte Saite“ über den Hofgambisten des Sonnenkönigs, Marin Marais – gespielt von Guillaume und Gérard Depardieu –, beigesteuert hat, verhalf ihm, aber vor allem seinem Instrument zu einer fast schon popkulturellen Prominenz.

          Das hat ihn um der Sache willen gefreut, doch seine Interessen lagen woanders. Gemeinsam mit seiner Frau, der schon 2011 verstorbenen Sängerin Montserrat Figueras, hatte er sich der Wiederbelebung des musikalischen Erbes der Iberischen Halbinsel verschrieben und bereits in den siebziger Jahren das Ensemble Hespèrion XX, dann XXI gegründet. Mit Ausweitung des historischen Forschungsfeldes kamen die Ensembles Capella Reial de Catalunya und Le Concert des Nations hinzu.

          Savall selbst im Zentrum einer Denkfarbrik

          Dabei geht es Savall bis heute nicht nur um die antiquarische Bergung von Musik vergangener Jahrhunderte, gar Jahrtausende. Musik ist für ihn nicht „Tonkunst“, sondern kulturelles Handeln, das sich auf Sprache, Arbeits- und Lebensformen, Religion und deren Riten bezieht. Eine Musik, die sich als autonomes Werk von allem „Außermusikalischen“ ablöst, eine Musik, für deren Kunstcharakter alles Zwischenmenschliche ohne Belang sei, ist für Savall eine an Bedeutung verarmte Musik. Die prachtvollen CD-Bücher, die er seit 1998 in seiner eigenen Firma Alia Vox herausgibt, versuchen eben, uns über das rein Klingende hinaus für kulturelle Sinnhorizonte in deren ganzer Komplexität zu sensibilisieren. Große Alben über Jerusalem, Konstantinopel und Venedig, aber auch über Erasmus von Rotterdam sind auf diese Weise entstanden.

          Die Idee zu dieser einzigartigen Veröffentlichungsform war entstanden aus dem Scheitern eines Großprojekts. Savall hatte ursprünglich vor, im Stil von Lettre eine große paneuropäische, mehrsprachige Kunstzeitschrift herauszugeben, für die ihm der Philosoph und Literaturkritiker George Steiner bereits seine Mitwirkung zugesagt hatte. Savall konnte seine Vorstellungen nicht verwirklichen und kam so darauf, CDs mit umfangreichen Chroniken, Kommentaren und Essays in mehreren Sprachen zu veröffentlichen. Und er scharte intellektuelle Kapazitäten um sich, durch die er selbst zum Zentrum einer Denkfabrik wurde: Der Religionswissenschaftler Raimon Panikkar, der Theologe Manuel Forcano und der Literaturnobelpreisträger José Saramago gehörten zu Savalls Kreis.

          Darin sprach sich eine weitere Kritik an der säkularen Moderne aus, nämlich an einem Modell, das die Gesellschaft in einzelne Sektoren unterteilt: hier Wirtschaft, da Militär, da Politik, da Kunst und irgendwo – gut bewacht – auch die Religion. Religion und Kunst sind für Savalls Verständnis und das seiner Mitstreiter keine Sektoren in der Gesellschaft, sondern Dimensionen, die sich durch alle Bereiche ziehen. Dass sich der Sinn unseres Tuns und Sprechens nur verbürgen lasse, wenn wir auf transzendente Größen bezogen bleiben, ist eine Überzeugung, die Savall mit dem verstorbenen George Steiner teilt.

          Und so ist Savalls Arbeit an der Musik und der kommentierten Einbettung in deren Geschichte, Sprache, Kultur und Religion auch nur im Gegenstromverfahren zur Praxis der Dekonstruktion zu verstehen. Savall sucht – etwa ein seiner Beschäftigung mit den Reisen des Jesuitenmissionars Franz Xaver oder mit der Geschichte Armeniens – den Dialog mit anderen Kulturen. Das bedeutet zwar den Verzicht auf koloniale Vorherrschaftsansprüche, aber auch konstruktive Beschäftigung mit sich selbst. „Man muss sich selbst kennen, um mit anderen reden zu können“, sagte Savall der F.A.Z. vor zehn Jahren. „Man muss auch die positiven Dinge der eigenen Kultur wiederentdecken. Vor allem können wir in der Betrachtung von Geschichte nicht immer Richter sein“.

          Jordi Savall, egal ob er Marais, Bach oder – wie bald am 20. August beim Beethovenfest in Bonn – Beethovens Neunte aufführt, ist ein Musiker, der wie in einem magischen Akt alles zu beleben weiß, was er berührt. Uns dabei zu berühren ist sein größtes Anliegen. Zugleich führt seine Kunst mit sanfter Bestimmtheit heraus aus den identitätspolitischen und postkolonialistischen Tribunalen unserer Zeit, auch indem sie eindringlich sagt, dass intellektueller Selbsthass keine Grundlage für das Gespräch Europas mit dem Rest der Welt sein kann. Am Sonntag wird dieser überragende Geist achtzig Jahre alt.

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