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Vittorio Ghielmi im Konzert : Am Anfang war der Ziegenton

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Philologie trifft Ethnologie: Der Gambist Vittorio Ghielmi und sein Ensemble „Il Suonar Parlante“ Bild: Luis Duarte

Philologie trifft Ethnologie: Der Gambist Vittorio Ghielmi und sein Ensemble „Il Suonar Parlante“ präsentieren ein Konzert jenseits von schmerzlicher Dissonanz.

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          Wenn Vittorio Ghielmi im Konzert auf der Viola da Gamba einen graziösen Tanz spielt, gewinnt das achtzehnte Jahrhundert wieder bezwingende Präsenz. In einem Salon des Ancien Régime sieht man eine Frau anmutig und präzise tanzen. 1725 widmete der Komponist Marin Marais die Allemande „La Marianne“ der Tänzerin Marianne Roland.

          Ein raffiniertes Stück, das in seiner scheinbaren Schlichtheit Raum für tänzerischen Ausdruck lässt. Es geht um Stil und Imagination. Vittorio Ghielmi lässt den Bogen springen, die Saiten knarren und singen. Ein kunstvolles Glissando deutet das Schleifen des Ballerina-Schuhs auf dem Tanzboden an. Die Variationen der Allemande suggerieren ganze Filmsequenzen: Mal tanzt Marianne inmitten einer höfischen Gesellschaft, mal neben einem Partner, schließlich allein im leeren Saal. Ghielmis Spiel formt eine Geschichte.

          Die Gambe ist ein poetisches Instrument mit der Fähigkeit zum Erzählen. Immer wieder wurde ihr schöner Klang gerühmt. Ihre Vielfalt, die Position der sieben Saiten auf dem flachen Griffbrett bietet sich zum Spielen von Akkorden an. Eine reichhaltige, virtuose Literatur für Solo-Gambe lässt erahnen, welchen Stellenwert sie bis zur Mitte des achtzehnten Jahrhunderts genoss, bei adligen Liebhabern und Komponisten überall in Europa. Ludwig XIV. liebte es, zum Gambenspiel zu speisen. Shakespeare nannte das fashionable Instrument „viol-de-gamboys“.

          Der Gambist bleibt nicht stehen beim Tanzthema

          Als Vittorio Ghielmi im vergangenen September beim Festival Alte Musik Zürich spielte, war es wie ein leiser Donnerschlag: Man war frappiert, staunte ungläubig, wollte mehr hören, staunte wieder. Doch wodurch hebt sich der eher beiläufig auftretende Mailänder heraus aus der Schar exzellenter Streichersolisten?

          Beim Zürcher Konzert spielte er mit dem Lautenisten Luca Pianca Werke von Marin Marais und Antoine Forqueray, die für die „basse de viole“ Kammermusik von höchstem Anspruch komponierten. Die geforderte Bogen- und Grifftechnik sowie Verzierungsvarianten waren äußerst differenziert. Jeder gute Musiker von heute wäre wohl zufrieden, wenn er neben der Technik die verschiedenen Tänze der alten Zeit abwechslungsreich präsentieren könnte. Vielleicht würde er sich auch fragen, was ihm die Allemanden, Préludes und Sarabanden eigentlich sagen wollen, und, wenn er es nicht herausfände, lächeln oder vage Melancholie mimen.

          Nicht so Ghielmi. Der Gambist bleibt nicht stehen beim hübschen Tanzthema, so variantenreich es auch sein mag. Unverbindlichkeit geht ihm völlig ab. Von den Impulsen der akzentuierenden Bogenhand geht eine unerhörte Gestaltungskraft aus. Scheinbar einfache Melodien werden subtil verändert, auch ins Orientalische hinein.

          Hören wir in einer schmerzlichen Dissonanz?

          Die Gambe singt im Hier und Jetzt; die Affekte der Vergangenheit verbinden sich wie durch Zauberhand mit unseren eigenen. Der Imaginationskünstler Ghielmi bringt uns dazu, etwas zu erwarten: Was liegt verborgen hinter der schlichten Melodie von „Les Voix humaines“ („Die menschlichen Stimmen“), in den Resonanzen des Instruments? Hören wir in einer schmerzlichen Dissonanz oder in einem Echo das Flüstern von Seelen? Ghielmis Gambe wurde 1688 gebaut. Für ihre Zeitgenossen waren Stimmen aus dem Jenseits womöglich real; es gab ein Purgatorium.

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