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Fußball-Hymne : Barock geht immer

  • -Aktualisiert am

Von der Saale in die Welt: Händel-Denkmal in Halle Bild: dapd

Einst verherrlichte der fromme Royalist mit seiner Stimmungsmusik noch Krone und Altar, heute wird mit ihr König Fußball gefeiert: Georg Friedrich Händel und seine Champions Musique.

          „The Champions! The Champions!“ - An diesem Samstagabend erklingt für anderthalb Milliarden Menschen in 233 Ländern wieder einmal die Erkennungsmelodie der Europäischen Fußball-Union, bevor dann die beiden Endspielteilnehmer zum letzten Vereinsspiel der Saison antreten. Und was hören die Fußballfans am endgültigen Feiertag ihrer Leidenschaft? Sie, von denen die meisten sonst wohl eher Rock oder Heavy Metal ihr Ohr leihen, lauschen voller Inbrunst einem deutschen Barockkomponisten, der sein Berufsleben hauptsächlich in London verbrachte. Die Hymne der Champions League stammt tatsächlich von Georg Friedrich Händel.

          Als man die Champions League Anfang der neunziger Jahre plante, musste eine zugkräftige Titelmelodie her. Man beauftragte den englischen Filmmusiker Tony (nicht Benjamin) Britten, irgendetwas Feierliches aus Händels Werken zu arrangieren. Heraus kam eine dreiminütige Hymne, welche der Chor von St. Martin in the Fields auf Französisch, Englisch und Deutsch aufnahm. Merkwürdigerweise ist das feine Stück - intoniert vom Royal Philharmonic Orchestra - noch nie auf einem Tonträger erschienen. Aber vor allem die Kurzfassung funktioniert umso prächtiger. Gute Barockmusik haut immer noch sogar die härtesten Fußballer um; nichts ist eingängiger und feierlicher. Schließlich hat auch die Eurovisionshymne ein Barockkomponist, der Franzose Marc Antoine Charpentier, verfasst.

          Wie gut so ein kleines Plagiat doch funktioniert

          Und auch Britanniens inoffizieller Fußball- und Chauvinismus-Choral „Britannia rules the Seas“ stammt aus der patriotischen Oper „Alfred“ von Thomas Augustine Arne, einem jüngeren Kollegen Händels. Bemerkenswert an der Fußballhymne ist, dass Händel sie 1727 als „coronation anthem“ seines Dienstherrn George II. verfasste. Seither erklingt „Zadok the Priest“ - so der offizielle Textbeginn - bei jeder Krönung eines britischen Monarchen, übrigens seit 1759 direkt neben Händels Prunkgrab in Westminster Abbey. Eine aufsteigende Reihe von Dreiklängen - später auch von Wagner für den Start seines Ring-Zyklus verwendet - versetzt Menschen automatisch in einen Zustand „aufrichtiger Inbrunst“; so hat John Eliot Gardiner die Händelsche Champions-Hymne charakterisiert.

          In ganz ähnlicher Melodik kommt sie auch in Händels Oratorium „Israel in Egypt“ vor. Der Wechsel des Umfelds ist kein Zufall. Wo der fromme Royalist mit seiner Stimmungsmusik noch Krone und Altar verherrlichte, kann heute nurmehr König Fußball globale Feierlichkeit evozieren. Hätte Britannien in den letzten Dekaden eine Königskrönung erlebt, dann wäre Tony Brittens Entlehnung beim Großmeister Händel wohl stärker aufgefallen. Daran ist aber ohnehin nichts Anrüchiges. Nach zeitgemäßer Praxis inspirierte sich Händel mehr oder weniger diskret an Hunderten von Melodien seiner Kollegen: „Borrowings“ nennt das die Musikwissenschaft.

          „The Champions“ ist ein besonders gelungenes Beispiel, wie gut so ein kleines Plagiat doch funktioniert. Und sollte Queen Elizabeth - mindestens hundert möge sie werden! - irgendwann doch einmal durch einen Nachfolger ersetzt werden und wird „Zadok the Priest“ dann vorschriftsgemäß in Westminster Abbey erklingen, kann man sich die Reaktionen des Publikums jetzt schon vorstellen: Haben die Royals ihre Hymne etwa bei der Champions League geklaut? Aber nein! Umgekehrt wird ein Fußballschuh daraus.

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