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Fusion der SWR-Orchester : Da weint das Krokodil

  • -Aktualisiert am

Angeblich alternativlos: die Zusammenlegung der SWR-Orchester. Hier das SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg. Bild: SWR/Wolfram Lamparter

Intendant Peter Boudgoust reagiert auf den breiten Dirigentenprotest gegen die SWR-Orchesterfusion wie erwartet. Unterdessen haben sich 148 Komponisten dem Protest angeschlossen.

          Leicht nach Kreide schmeckt die Antwort, die SWR-Intendant Peter Boudgoust den 160 Dirigentinnen und Dirigenten erteilt, die am Dienstag in einem „offenen Brief“ gegen die SWR-Orchesterfusion protestierten. „Sehr geehrte Damen und Herren“, heißt es da in milder Besorgnis, „es ist durchaus verständlich, dass Sie gegen die Fusion zweier Orchester Ihr Wort erheben. Denn: Ja, es wird ab 2016 in Deutschland ein Orchester weniger geben.“ Anschließend weint das Krokodil.

          Auch ihm, als Intendant, sei die Entscheidung nicht leichtgefallen. Aber sie müsse sein. Zur Begründung dessen werden Sparzwänge ins Feld geführt und, frei nach der machiavellistischen Maxime „teile und herrsche“, zwei preisgekrönte SWR-Produktionen aus dem Hörspiel- und Literaturressort benannt, die sich der SWR, würden die Orchester weiterspielen, nicht „weiterhin leisten“ könne. Ein immer wieder nützliches Rezept aus der kulturpolitischen Rhetorik-Kiste: So wird auch sonst gern die Musik ausgespielt gegen die anderen schönen Künste, und so wird Kultur gern marginalisiert, durch den Hinweis auf Lücken im Bildungssystem, etwa fehlende Kindergartenplätze.

          Interventionsverbot: Intendant Boudgoust verwahrt sich gegen eine weitere Einmischung in den SWR-internen Diskussionsprozess.

          Ansonsten bittet Boudgoust, von weiteren dummen Fragen abzusehen. Dieser „Veränderungsprozess“ sei ja doch intern im SWR und den Gremien „intensiv“ diskutiert worden, durch seine beherzte Fusionsentscheidung habe er selbst den „schleichenden Tod zweier Klangkörper“ verhindern wollen. All das wurde schon mehrfach behauptet. Kein Argument in Boudgousts Brief ist neu, so wenig, wie es auch die Argumente der Dirigenten sein können. Doch geht er nicht mit einem Wort konkret auf sie ein, und nichts, was er ausführt, wird mit Zahlen untermauert. Es handelt sich um Beschönigungen, aus dem Fenster gepredigt, keinen ernstgemeinten Beitrag zu der öffentlichen Diskussion, die jetzt, dank des Aufstandes der Dirigenten, die der Verzweiflung eine Stimme gaben, neu aufgeflammt ist.

          Schluss mit den Fensterreden

          Gestern schlossen sich 148 Komponisten in einem weiteren offenen Brief, veröffentlicht in der „Zeit“ und in der „Neuen Musikzeitung“ (NMZ), dem Votum der Dirigenten an. Darin heißt es unter anderem: „Fassungslos mussten wir mitansehen, wie in einem Land, das so gerne und voll stolz für sich in Anspruch nimmt, eine Kulturnation zu sein, und dessen Kanzlerin noch unlängst die ,Bildungsrepublik Deutschland‘ ausgerufen hat, eine gebührenfinanzierte Rundfunkanstalt sich dem Diktat einer Kommerzialisierung von Bildung, Kunst und Kultur beugt, gegen die als Bollwerk aufzutreten doch eigentlich ein Staatsvertrag die öffentlich-rechtlichen Sender verpflichtet.“

          Auch die Komponisten fordern, die Fusionsentscheidung zurückzunehmen. Was sagt jetzt die Kanzlerin dazu? Was der Deutsche Musikrat? Was der noch amtierende Kulturstaatsbeauftragte Bernd Neumann? Seine potentiellen Nachfolger(innen)? Der Kulturausschuss des Landes Baden-Württemberg? Weitere Fensterreden braucht niemand.

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