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Frühjahrsfestival Lyon : Warum gehen Menschen in die Oper?

Symbolräume: Peter Tschaikowskys „Zauberin“ wird in der Inszenierung von Andriy Zholdak zu einer Parabel auf Unterdrückung und Selbstbestimmung. Bild: Stofleth

Weltflucht, Sex und Kunstreligion: Das Frühjahrsfestival in Lyon fragt sich, was von uns bleiben wird.

          Warum der Mensch in die Oper geht, was er dort sucht und findet, das hat der ukrainische Regisseur Andriy Zholdak jetzt in Lyon mit seiner Inszenierung von Peter Tschaikowskys „Zauberin“ auf die Bühne gebracht. Der Mensch, hier ein Mann, genauer: ein katholischer Priester aus dem Lyon unserer Tage, will einfach mal raus, nämlich aus dem Lyon unserer Tage, aus der Wiederkehr des Immergleichen mit Kircheaufräumen, Kerzenauspusten, Taxifahren, Schachspielen mit sich selbst. Er sucht Alltagstranszendenz. Sein Motiv ist Eskapismus, also setzt er sich eine 3D-Brille auf, knipst den Computer an und lässt sich von der virtuellen Holzhüttenrealität Sibiriens wegsaugen: Armutsexotik mit hübscher Wirtin.

          Jan Brachmann

          Redakteur im Feuilleton.

          Die innerweltliche Transzendenz ist dem Menschen, zumal dem Priester, aber nicht genug. Er will auch erhoben werden in die Sphäre des Heiligen. Deshalb gibt es auf der Bühne von Daniel Zholdak, dem Neffen des Regisseurs, nicht nur den Schachspieltisch und die sibirische Holzhütte, sondern auch eine Kirche mit Kruzifix, an dem aber nicht mehr das Licht der Welt leuchtet, weshalb das Licht der Kunst strahlen muss.

          Doch der Mensch lebt nicht vom Licht allein, sondern auch für die Lust. Und diese Lust treibt ihn in die Oper. Sie bietet phantasierte Teilhabe an einer ausgelebten Sexualität auf der Bühne, die im richtigen Leben nicht stattfindet: nackte Haut von Körpern beiderlei Geschlechts, Arrangements von Paarungen zu einer Musik der Stimmen als sekundären Geschlechtsorganen, deren harmonische Grundierung dem Spannungsgefälle von Erregung und Orgasmus nachgebildet ist. Für diese Lust steht dann das Hotelzimmer mit Bett als Erholungs- und Umkleideraum aller Prostituierten der Phantasie. Jeder Aspekt der Oper, Eskapismus, Kunstreligion, Sexualität, erschafft sich auf der Bühne seinen eigenen Symbolraum. Gleichzeitig! Das ist für das Publikum fordernd, ungemein anregend, in vielen Einzelfällen ziemlich witzig. Nur tut es dem Stück nicht gut, denn seine Geschichte ist erstens verwickelt und zweitens kaum bekannt.

          Schwindelerregende Virtuosität

          „Die Zauberin“, 1887 in Sankt Petersburg uraufgeführt, wird selten gespielt und war in Frankreich noch nie zu sehen. Der Grund ist einfach: Es gibt keine Nebenfiguren. Man braucht einen Heldenbariton für den Fürsten Nikita, einen dramatischen Mezzosopran für die Fürstin Jewpraxija, einen Heldentenor für den Erbprinzen Juri, einen dramatischen Sopran für die Wirtin Nastassja, wegen ihres Charismas „die Zauberin“ genannt. Aber auch der Beamte Mamyrow (Bass), der Leibjäger Iwan, die fürstliche Kammerfrau Nenila, der Zauberer Kudma, die Freundin Polja, der Onkel Foka – sie alle haben gewichtige Partien zu singen. Und Robert Körner, der für die Sängerbesetzungen in Lyon verantwortlich ist, hat dank seiner guten Kontakte nach Russland und in die ehemaligen Sowjetrepubliken beachtliche Stimmen für diese Produktion verpflichten können.

          Evez Abdulla als Fürst Nikita beeindruckt bei aller Wucht durch sein behutsames Verdämmernlassen von Phrasenenden bei sauberer Intonation. Jelena Gusjewa als Zauberin hat einen durchschlagskräftigen Sopran, der sich noch immer lyrische Weichheit bewahrt hat. Migran Agadzhanyan als dem Erbprinzen Juri wünscht man zur Kraft seines Tenors noch Sensibilität und Eleganz – für Tschaikowsky unverzichtbar – hinzu. Xenia Wjasnikowa als Fürstin findet im Verlauf der Aufführung langsam den Fokus für einen Mezzosopran, der jeden Kerl von der Bühne föhnt. Vor allem aber ist Piotr Miciński als Priester und Mamyrow ein Glücksfall für das Theater mit seiner stimmlichen Wendigkeit und seiner spielerischen Intelligenz.

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