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Fritsch-Premiere in Berlin : Was man nicht sagen kann, soll man singen

  • -Aktualisiert am

Die zwei von der Barocktheke: Joachim Meyerhoff spielt Sosias (links) Bild: Thomas Aurin

Neuer Hauptstadtstar im Kuddelmuddel der Gefühle: Herbert Fritsch inszeniert Molières „Amphitryon“ mit Joachim Meyerhoff an der Berliner Schaubühne.

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          Er kommt mit leichten, zarten, so devoten wie frechen Schrittchen auf die Bühne getrippelt, von links hinten nach rechts vorne, nimmt so den ganzen Raum in Besitz, obwohl er bloß der Diener ist, dem überdies bald ziemlich übel mitgespielt werden wird, was er aber noch nicht weiß. Die orangefarbene Schmuckrüstung mit Röckchen zum fließenden Rüschenhemd, in dessen überlangen Ärmeln die Hände verschwinden, lässt ihn wie ein Luftwesen aus einer anderen Welt wirken, in der die Gesetze der Schwerkraft nicht gelten.

          Neuer Hauptstadtstar

          Joachim Meyerhoff, jahrelang ein Star am Wiener Burgtheater und mit dieser Saison ins Ensemble der Berliner Schaubühne gewechselt, mischt bereits bei seinem ersten Auftritt Molières „Amphitryon“ gehörig auf: Er macht dem ohnedies rasanten Stück als Sosias nicht nur schnelle, sondern auch närrische Beine. Natürlich ist es dann besonders komisch, wenn er ins Straucheln gerät, weil er auf seinen Doppelgänger stößt. Hinter dem verbirgt sich der Götterbote Merkur, der sich Sosias’ Gestalt ausgeliehen hat, um den Göttervater Jupiter zu unterstützen, der unbedingt mit Alkmene, der Frau des Amphitryon, ins Bett steigen will.

          Wände aus raschelndem Papier

          Molières Werk wurde 1668 in Paris uraufgeführt und ist das einzige, in dem sich der Komödiendichter mit einer Thematik aus der antiken Mythologie beschäftigt. Der Regisseur Herbert Fritsch attestierte ihm in einem Interview „den Pulsschlag der Komödie“, den man spüren könne, wenn sich die Figuren als Doppelgänger plötzlich selbst gegenüberstehen und nicht mehr wissen, wer denn jetzt eigentlich wer ist – wer das Original, wer die Kopie? Und was ist noch Sein, was schon Schein? Als sein eigener Bühnenbildner hat Fritsch dafür eine Art konzentrierte Barockszenerie entworfen, mit mehreren hintereinander gestaffelten Wänden, die dem Publikum eine großartige, farblich hinreißende Zentralperspektive und den Darstellern unaufwendig schöne Auftritte bieten. Diese Wände sind aus Papier und rascheln, wenn wieder einmal jemand rasch um die Ecke biegt oder aus der Tiefe herausrauscht, sich lüstern daran reibt oder wütend an ihnen zerrt.

          Alles ist hier möglich, warum also sollte Sosias nicht in Amphitryons Haus dürfen, um Alkmene die Rückkehr ihres Mannes, mit dem sie erst kurz verheiratet ist, anzukündigen? Vielleicht, weil Merkur den Zugang für Jupiters Schäferstündchen bewacht und Sosias schlimm vermöbelt. Bastian Reiber, der den Götterboten als arroganten Spaßvogel gibt, kennt da kein Pardon und trickst den armen Domestiken nach Strich und Faden, mit Witzen und Schlägen aus. Axel Wandtke als Jupiter ist voll forscher Siegesgewissheit und verführt Alkmene mit der Routine des geübten Liebhabers, während Florian Anderer als Amphitryon, der nicht weiß, ob er gehörnt wurde oder nicht, sich immer stärker in den Irrungen und Wirrungen der Handlung verstrickt, bis er rutscht und taumelt und rücklings hart auf den Boden knallt.

          Was man nicht sagen kann ...

          Herbert Fritsch lässt sich in seiner vergnüglich klugen Inszenierung gar nicht lange auf philosophische Diskurse über Identität, Ich-Krisen und Bewusstseinstrübungen ein, sondern nimmt Molière unbeschwert beim Wort und zeigt dessen „Amphitryon“ als großes, absurdes Spiel um liebestrunkene Männer und gar nicht so sehr hinters Licht geführte, eher lustvoll hingesunkene Frauen. Sowohl Annika Meier als Alkmene wie auch Carol Schuler als Cleanthis, die Frau des Sosias, weichen gern in gesungene Intermezzi aus, wenn die Geschichte allzu undurchsichtig wird, als ginge ihnen im Kuddelmuddel der Gefühle und im Trubel der Ereignisse ein Satz von Heiner Müller durch den Kopf: „Was man noch nicht sagen kann, kann man vielleicht schon singen.“

          Meyerhoff ist nicht zu bremsen

          Unter den Augen von Werner Eng als „Die Nacht“ klärt sich schließlich alles auf, man singt zum Abschluss im Chor gedehnt-geheimnisvoll den Namen „Amphitryon“ und endet ironisch mit einem dreifachen „Oh, oh, oh!“. Die federnde Live-Musik stammt von Ingo Günther (Klavier) und Taiko Saito (Marimba), die das Geschehen vom Bühnenrand her mittragen. Das Schaubühnen-Ensemble um den vorzüglichen Joachim Meyerhoff ist nicht zu bremsen, es macht sich in den pompös-prächtigen Kostümen von Victoria Behr mit Molière einen ansteckend abgefahrenen Spaß, schreckt vor derben Scherzen oder ollen Mätzchen nicht zurück, glänzt und überzeugt mit dramatischer Raffinesse und tollkühner Artistik. Herbert Fritsch bleibt mit seiner Regie nahe am Stück und setzt es als hochartifizielles Volkstheater in Szene. Alle Elemente passen schlüssig zusammen und ergänzen sich amüsant wie ernsthaft – zwei Stunden Molière ohne inhaltliche Bedeutungsschwere, aber mit heiterstem künstlerischen Gewicht.

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