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Corona und freie Musiker : Wir werden das nicht lange durchhalten

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Uwe Schneider, Geschäftsführer der Akademie für Alte Musik in Berlin, bezeichnet einzelne gecancelte Konzerte gerade noch verschmerzbar. „Schlimm wird es, wenn wie jetzt bei uns ganze Tourneen in Gefahr geraten.“ Als Beispiel nennt er das Programm „Beethovens Sinfonien und ihre Vorbilder“, das das Alte-Musik-Ensemble unter anderem in Linz, Augsburg, Berlin und bei den Schwetzinger Festspielen geben will. „Fallen die ersten Stationen weg, bricht die Finanzierung insgesamt zusammen.“ Manche Veranstalter zögen die Entscheidung über eine Absage heraus. „Was gut gemeint ist, wird für uns zum Problem, da wir nicht wissen, ob wir Proberäume, Transport, Reisen und Hotels stornieren sollen, um Kosten zu sparen.“

Die Verluste müssen die Musiker selbst verkraften, da die freien Orchester in der Regel als Gesellschaft bürgerlichen Rechts firmieren und die Künstler als Selbständige die Inhaber der GbR sind. Als problematisch erweist sich nun, dass es den Ensembles als öffentlich geförderten Institutionen untersagt ist, Geld auf die hohe Kante zu legen. Christian Fausch, Geschäftsführer beim Frankfurter Ensemble Modern, sagt: „Laut deutschem Zuwendungsrecht dürfen wir keine Rücklagen für schlechte Zeiten bilden. Das ist ein grandioser Fehler des Systems, der nun voll zuschlägt.“ Die Lage bedrohe das Ensemble in seinem Bestand. „Wir werden das nicht lange durchhalten.“ Innerhalb von drei Tagen seien ihm zehn Konzerte für die nächsten vier Wochen weggebrochen. „Die Freie Szene steht am Abgrund.“

Genauso heftig hat es das Hamburger Ensemble Resonanz erwischt, das ebenfalls zu den führenden Einrichtungen in der Neuen Musik zählt. Weggebrochen sind ihm Auftritte bei prestigeträchtigen Veranstaltungen wie dem Salzburger Aspekte-Festival und der Berliner „Maerzmusik“. „Wir leben nur zu 25 Prozent von staatlichen Subventionen, drei Viertel der Einnahmen kommen aus Konzerten und privaten Zuwendungen“, erklärt Geschäftsführer Tobias Rempe. Seiner Darstellung nach „ist es total klar, dass wir ohne Hilfe von außen die nächsten zwei bis drei Monate nicht überleben können“.

Der Ruf nach dem Staat hallt durch die Szene. Der Verband Freie Ensembles und Orchester in Deutschland (FREO) fordert einen Nothilfefonds. Staatsministerin Grütters kündigte an, nach Einzelfallprüfungen zu entscheiden, ob schon geflossene Fördermittel für bestimmte Projekte nicht zurückgezahlt werden müssten. „Wenn das bei uns ankommt, kann das helfen“, sagt Rempe. Die Akademie für Alte Musik macht sich Hoffnung, ihr Beethoven-Programm zu retten, weil es vom Bund gefördert wird. Das Misstrauen gegen die Politik sitzt jedoch tief. „Gesunder Zweifel ist angebracht“, sagt Geschäftsführer Schneider.

Derweil setzen die Musiker auf die Spendenbereitschaft der Bürger. Unter dem Hashtag #ichwillkeingeldzurück werden Ticketbesitzer dazu aufgerufen, das Geld für bereits abgesagte Konzerte nicht zurückzuverlangen. Die Deutsche Orchester-Stiftung hat ein Spendenkonto zur Unterstützung von Freiberuflern eingerichtet (www.orchesterstiftung.de). Bäuml hofft zudem auf die Unterstützung der Veranstalter. „Ich würde gerne Geisterkonzerte geben.“ Allerdings: „Bisher hat sich niemand dazu durchgerungen, sie zu veranstalten.“

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