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CD-Aufnahmen und Corona : Wie spielt man Beethoven auf Abstand?

  • -Aktualisiert am

Alexander Melinikov, Jean-Guihen Queyras, Isabelle Faust, Pablo Heras-Casado und das Freiburger Barockorchester in den Berliner Teldex-Studios. Bild: Martin Bail

Drei Monate lang hat das Freiburger Barockorchester nicht arbeiten können. Jetzt kommt es unter der Leitung von Pablo Heras-Casado in den Berliner Teldex-Studios erstmals wieder zusammen. Schlägt sich die Pandemie in der Musik nieder?

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          Der Gang ins Aufnahmestudio kann so schön sein. Dahin, wo sonst eher musikalische Kärrnerarbeit wartet: die Wiederholung als Möglichkeit und Zwang. Ein möglichst perfektes Ergebnis muss ja her, mindestens einmal. Das kann an die Nerven gehen. Die Arbeit des Tonmeisters, der die Aufnahme leitet, ist auch die eines Psychologen. Nach sechs Stunden Tripelkonzert von Ludwig van Beethoven (und nur der erste Satz) strahlt Anne-Katharina Schreiber, die Konzertmeisterin des Freiburger Barockorchesters, hingegen, als wäre sie einem sommerlichen Erfrischungsbad entstiegen. Herrlich sei es gewesen, endlich wieder zusammen spielen im ganzen Ensemble! Nach drei Monaten!

          Da fallen auch die Abstandsregeln nicht allzu sehr ins Gewicht, unter denen die Aufnahme coronabedingt stattfinden muss: die Streicher im Abstand von eineinhalb Metern sitzend, jeder an einem eigenen Pult, die Bläser mit zwei Metern Entfernung zwischen erster und zweiter Reihe. Ein Lineal aus Holz lehnt noch an der Wand des Studios.

          Das Barockorchester, das sonst eine Sitzordnung von kammerhafter Kompaktheit pflegt, erscheint hier, im Berliner Teldex-Studio, fast zur Symphonieorchester-Größe aufgefächert. Das mag neu sein für die Mitglieder des Originalklang-Ensembles, soll aber nicht weiter zum Problem werden, wenn nach drei Monaten endlich wieder gemeinsam musiziert werden kann. Der Kontakt zwischen Streichern und Bläsern gestalte sich schwieriger mit den Abständen, sagt die Konzertmeisterin, aber es gebe ja auch noch den Dirigenten, der helfen und vermitteln würde. Hier ist das der Spanier Pablo Heras-Casado, der für das Label Harmonia Mundi nach den Klavierkonzerten nun auch das Tripelkonzert mit den Freiburgern aufnimmt. Die Monate des Lockdowns hat Heras-Casado in seiner Heimatstadt Granada verbracht, geistige Zuflucht suchend bei den Alten: bei Claudio Monteverdi, dessen Opern und ausgewählte Madrigale er abermals studierte, bei Homers „Odyssee“ und Hesiods Götterlehre. Auch für ihn ist es hier in Berlin nach drei Monaten das erste Mal, dass er vor einem Orchester steht. Abends werden vielleicht ein paar schwächer gewordene Armmuskeln schmerzen, sonst scheint alles wie immer.

          Dirigieren als Technik könne man ebenso wenig verlernen, wie man es eigentlich lernen könne. Heras-Casado sagt das mit dem charmanten Lächeln des Begabten. Und das Orchester? Hört er Unterschiede? Am Anfang schon, da hätten sich die Musikerinnen und Musiker erst einmal mit den neuen Umständen der Sitzordnung vertraut machen müssen. Jedoch, Musiker seien Meister der Anpassung, ob es nun darum geht, auf die akustischen Bedingungen an unterschiedlichen Konzertorten zu reagieren oder eben auf die Corona-Verordnungen. „Nach einer Stunde war mit dem Orchester eigentlich alles wieder wie früher“, sagt Heras-Casado.

          Derweil stellt der Tonmeister Martin Sauer ein paar Mikrofone mehr auf als sonst. Vor jedem Bläser steht jetzt eines, sie sitzen zu weit auseinander, als dass etwa beide Flöten oder beide Oboen mit einem Mikrofon erfasst werden könnten. Besonders groß sei der Unterschied für das Endergebnis aber nicht, meint Sauer, zumal bei den Streichern die Mikrofonierung so sei wie sonst auch. Nur dass die Musiker eben weiter verstreut sitzen. „Am Ende wird aber auch bei dieser Aufnahme ein kompakter Orchesterklang zu hören sein“, sagt der Tonmeister, dessen Auftragslage sich durch die Corona-Krise keineswegs verschlechtert hat. Zahlreiche Künstler haben die Zeit genutzt, um kurzfristig Aufnahmen zu machen, solistisch meist. Seit Beginn des Lockdowns sei er quasi vollbeschäftigt, sagt Sauer.

          Große Spendenbereitschaft

          Daher kommt wohl auch die Gelassenheit für diese erste Aufnahme in größerer Besetzung. Dass das Freiburger Barockorchester ungeprobt angereist ist zu den Aufnahmen? „Haben wir schon öfter gemacht.“ Dass das Ensemble zuvor drei Monate nicht zusammengespielt hat? „Ein paar Reflexe im Zusammenspiel fehlen noch, aber der Enthusiasmus der Musiker ist so groß, dass er vieles wettmacht!“

          Die Gelassenheit des Tonmeisters setzt sich im Studio fort, wo ein eindrucksvolles Beispiel zielführender Kommunikation zu erleben ist. Zu sagen haben hier viele etwas: neben dem Tonmeister der Dirigent, der als Orchesterleiter im Ensemble aufzugehen scheint, ohne dabei doch die Führungsrolle abzugeben. Dann die drei Solisten des Beethoven’schen Tripelkonzertes: die Geigerin Isabelle Faust, der Cellist Jean-Guihen Queyras und der Pianist Alexander Melnikov, verbunden in einer besonderen Art überlegten und überlegenen Spiels. Schließlich die Konzertmeisterin, die ebenfalls ein ums andere Mal etwas anmerkt. Man kommt zügig zu Ergebnissen, größerer Diskussionen bedarf es nicht, so selbstgewiss und direkt musiziert wird, so wird auch am gemeinsamen Ergebnis gefeilt. Fast überrascht nimmt man am Ende des Aufnahmetages Heras-Casados verschwitzten Haarschopf zur Kenntnis als Ausweis der Mühe hinter der scheinbaren Mühelosigkeit.

          Es ist ein kurzes Miteinander für die Musikerinnen und Musiker des Freiburger Barockorchesters hier in Berlin. Ein weiterer Aufnahmetag folgt, und dann geht es wieder zurück in die seltsame Ungewissheit, was kommen wird. Abgesehen von kammermusikalischen Auftritten in Freiburg und einem Orchesterauftritt im Probenhaus des Ensembles, der per Livestream zu den Hörern im Freien übertragen wird, stehen für den Sommer derzeit keine Konzerte an. Immerhin besteht für die neunundzwanzig festen, aber freischaffend tätigen Mitglieder eine finanzielle Sicherheit. Aus den Subventionen und aus der großen Spendenbereitschaft des Freundeskreises des Orchesters konnte ihnen ein Gehalt ausgezahlt werden, nahezu in der Höhe der ausgefallenen Konzerthonorare. Gastmusikern wurde in manchen Fällen noch die Hälfte des Honorars gezahlt.

          Dieser Zustand soll mit Beginn der kommenden Saison möglichst beendet sein. Der Intendant Hans-Georg Kaiser arbeitet derzeit daran, die coronabedingt unterschiedlichen Bedürfnisse und Vorstellungen der Konzertveranstalter unter einen Hut zu bekommen. Das alles vor dem Hintergrund möglicher neuer Verordnungen. Es winkt jedoch große Belohnung: endlich wieder ein Publikum zu haben.

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