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CD-Aufnahmen und Corona : Wie spielt man Beethoven auf Abstand?

  • -Aktualisiert am

Derweil stellt der Tonmeister Martin Sauer ein paar Mikrofone mehr auf als sonst. Vor jedem Bläser steht jetzt eines, sie sitzen zu weit auseinander, als dass etwa beide Flöten oder beide Oboen mit einem Mikrofon erfasst werden könnten. Besonders groß sei der Unterschied für das Endergebnis aber nicht, meint Sauer, zumal bei den Streichern die Mikrofonierung so sei wie sonst auch. Nur dass die Musiker eben weiter verstreut sitzen. „Am Ende wird aber auch bei dieser Aufnahme ein kompakter Orchesterklang zu hören sein“, sagt der Tonmeister, dessen Auftragslage sich durch die Corona-Krise keineswegs verschlechtert hat. Zahlreiche Künstler haben die Zeit genutzt, um kurzfristig Aufnahmen zu machen, solistisch meist. Seit Beginn des Lockdowns sei er quasi vollbeschäftigt, sagt Sauer.

Große Spendenbereitschaft

Daher kommt wohl auch die Gelassenheit für diese erste Aufnahme in größerer Besetzung. Dass das Freiburger Barockorchester ungeprobt angereist ist zu den Aufnahmen? „Haben wir schon öfter gemacht.“ Dass das Ensemble zuvor drei Monate nicht zusammengespielt hat? „Ein paar Reflexe im Zusammenspiel fehlen noch, aber der Enthusiasmus der Musiker ist so groß, dass er vieles wettmacht!“

Die Gelassenheit des Tonmeisters setzt sich im Studio fort, wo ein eindrucksvolles Beispiel zielführender Kommunikation zu erleben ist. Zu sagen haben hier viele etwas: neben dem Tonmeister der Dirigent, der als Orchesterleiter im Ensemble aufzugehen scheint, ohne dabei doch die Führungsrolle abzugeben. Dann die drei Solisten des Beethoven’schen Tripelkonzertes: die Geigerin Isabelle Faust, der Cellist Jean-Guihen Queyras und der Pianist Alexander Melnikov, verbunden in einer besonderen Art überlegten und überlegenen Spiels. Schließlich die Konzertmeisterin, die ebenfalls ein ums andere Mal etwas anmerkt. Man kommt zügig zu Ergebnissen, größerer Diskussionen bedarf es nicht, so selbstgewiss und direkt musiziert wird, so wird auch am gemeinsamen Ergebnis gefeilt. Fast überrascht nimmt man am Ende des Aufnahmetages Heras-Casados verschwitzten Haarschopf zur Kenntnis als Ausweis der Mühe hinter der scheinbaren Mühelosigkeit.

Es ist ein kurzes Miteinander für die Musikerinnen und Musiker des Freiburger Barockorchesters hier in Berlin. Ein weiterer Aufnahmetag folgt, und dann geht es wieder zurück in die seltsame Ungewissheit, was kommen wird. Abgesehen von kammermusikalischen Auftritten in Freiburg und einem Orchesterauftritt im Probenhaus des Ensembles, der per Livestream zu den Hörern im Freien übertragen wird, stehen für den Sommer derzeit keine Konzerte an. Immerhin besteht für die neunundzwanzig festen, aber freischaffend tätigen Mitglieder eine finanzielle Sicherheit. Aus den Subventionen und aus der großen Spendenbereitschaft des Freundeskreises des Orchesters konnte ihnen ein Gehalt ausgezahlt werden, nahezu in der Höhe der ausgefallenen Konzerthonorare. Gastmusikern wurde in manchen Fällen noch die Hälfte des Honorars gezahlt.

Dieser Zustand soll mit Beginn der kommenden Saison möglichst beendet sein. Der Intendant Hans-Georg Kaiser arbeitet derzeit daran, die coronabedingt unterschiedlichen Bedürfnisse und Vorstellungen der Konzertveranstalter unter einen Hut zu bekommen. Das alles vor dem Hintergrund möglicher neuer Verordnungen. Es winkt jedoch große Belohnung: endlich wieder ein Publikum zu haben.

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