https://www.faz.net/-gqz-9nf3n

„Frau ohne Schatten“ in Wien : Ein Kaiserpaar, das wirklich singen kann

  • -Aktualisiert am

Hinwendung zur vorimpressionistischen Seite: Camilla Nylund als Kaiserin und Evelyn Herlitzius als Amme Bild: Michael Poehn

Viele Stars, wenig Spannung: Die Wiener Staatsoper feiert ihre hundertfünfzigjährige Geschichte mit der „Frau ohne Schatten“ von Richard Strauss.

          Für eine Kulturinstitution sind hundertfünfzig Jahre beinahe eine halbe Ewigkeit. Zumal die Geschichte der Wiener Staatsoper genaugenommen bis ins achtzehnte Jahrhundert zurückreicht, als der Betrieb des k. u. k. Hofoperntheaters noch im kleinen – nahe beim heutigen Opernhaus gelegenen – Kärntnertor-Theater stattfand. Durch den Bau der Ringstraße wurde schließlich Platz geschaffen für ein von den Architekten August Sicard von Sicardsburg und Eduard van der Nüll entworfenes, großes Wiener Opernhaus. Dessen Fertigstellung im Jahr 1869 gilt heute als Geburtsstunde der Wiener Staatsoper, obwohl diese Bezeichnung erst seit 1938 verwendet wird. Dass nun zum 150-Jahr-Jubiläum „Die Frau ohne Schatten“ gespielt wird und nicht Mozarts „Don Giovanni“, mit dem das Haus 1869 eröffnet wurde, gründet darin, dass Richard Strauss’ monumentale Zauberoper im Oktober 1919, also vor knapp hundert Jahren, im Haus am Wiener Ring zur Uraufführung gelangt war.

          Eingedenk der imposanten Geschichte des Hauses, die mit klingenden Namen wie Gustav Mahler, Franz Schalk und Richard Strauss, Karl Böhm, Herbert von Karajan, Egon Seefehlner oder Claudio Abbado verknüpft ist, war die Festpremiere musikalisch erstklassig besetzt worden. Mit Christian Thielemann stand einer der besten Operndirigenten der Gegenwart am Pult des Wiener Staatsopernorchesters. Auch die Vergabe der Hauptrollen ließ kaum Wünsche offen. Dass mit dem Franzosen Vincent Huguet, einem ehemaligen Assistenten des legendären Theatermachers Patrice Chéreau, ein nicht sonderlich erfahrener Regisseur ausgerechnet für eine so komplexe Oper wie „Die Frau ohne Schatten“ engagiert worden war, stimmte indes ein wenig skeptisch.

          Wie bei der Aufführung einer Antikentragödie um 1960

          Leider bestätigte sich diese Skepsis bereits, als sich der Vorhang öffnete: Vor einer Art Voliere, hinter deren Behang die Kaiserin verborgen ist, trifft sich die Amme mit dem Geisterboten (resolut gesungen von Sebastian Holecek). Im Hintergrund ist ein mächtiges, dunkles Gemäuer zu sehen, das sich später als eine Wand aus grauen Styroporfelsen entpuppt. Kombiniert mit den wallenden Umhängen, die alle Protagonistinnen und Choristinnen tragen (Kostüme: Clémence Pernoud), erweckt das Bühnenbild von Aurélie Maestre den Eindruck, als wohne man der Aufführung einer Antikentragödie um 1960 bei. Die statischen Arrangements von Vincent Huguet, der weder Chöre bewegt noch die Darsteller die große Bühne mit Leben füllen lässt, verstärken dies noch. Und seine Idee zum Stück erschöpft sich darin, zu zeigen, dass die Kaiserin wohl etwas mehr als bloß Mitleid mit dem von der Färberin attackierten Barak empfindet. Erinnert man sich an die aufregende Deutung von Robert Carsen, der vor zwanzig Jahren die letzte „Frau ohne Schatten“ an der Wiener Staatsoper überzeugend als psychologische Selbstfindung der Kaiserin inszeniert hatte, dann sind Huguets konzeptlose Arrangements einfach zu wenig für eine wirklich festliche Aufführung.

          Mag sein, dass sich diese szenische Spannungslosigkeit auch ein wenig auf den Orchestergraben übertrug. Wer den enormen Sog noch im Ohr hat, den Christian Thielemann 2011 bei den Salzburger Festspielen zu Christof Loys gewagter Inszenierung der „Frau ohne Schatten“ freigesetzt hatte, wurde im ersten Akt etwas enttäuscht. Gewiss, die üppigen Klangfarben der Strauss’schen Musik blühen auf unter der behutsamen Führung des Maestros, der es auch blendend versteht, die dichtinstrumentierte Partitur sängerdienlich abzudämpfen. Doch eine energetisch vorwärtstreibende Kraft stellt sich erst im zweiten Akt ein. Da tönen auch die Blechbläser des Wiener Staatsopernorchesters mit jener fokussierten Kraft, die sie auszeichnet, so dass Thielemann gezielt auf die klanglich immer noch wunderbar aufgefächerten Höhepunkte zusteuern kann.

          Im dritten Akt überzeugen wiederum vor allem die zarten Passagen. Auf alle Striche verzichtend, lässt Thielemann auch den Chor der Ungeborenen auftreten und fördert dadurch eine andere, nachgerade vorimpressionistische Seite von Strauss ans Tageslicht, die auch an weiteren Stellen in feinsten Schattierungen, mit einer dynamisch enorm riskanten, aber gelungenen Piano-Kultur hörbar wird. Allein dies hebt diese Aufführung musikalisch weit über den sonstigen Opernalltag der Staatsoper hinaus.

          Hinzu kommt ein erstklassiges Protagonisten-Quintett, das durch seine darstellerischen Qualitäten auch szenisch ein wenig von der Ideenleere der Inszenierung abfangen kann. Packend sind die Duelle, die sich Nina Stemme als Färberin und Wolfgang Koch als Barak allein stimmlich liefern. Dem möglichen Einwand, die lyrische Stimme des Baritons, der den Barak mit enorm langen und geschmeidigen Bögen singt, passe nicht zu dem trompetenartig fokussierten Sopran von Stemme, sei entgegnet, dass gerade in diesem Kontrast die Spannung der Auseinandersetzungen des Färberpaars besteht. Homogener ist dennoch das Herrscherpaar: Der Tenor Stephen Gould singt einen klaren, nie mit den Spitzentönen kämpfenden Kaiser und Camilla Nylund eine Kaiserin, die durch die jugendlich wirkende Frische ihres gut sitzenden Soprans ebenso überzeugt wie durch gekonnte Intervallsprünge. Das kann man Evelyn Herlitzius zwar nicht bescheinigen, jedoch macht die Intensität ihrer zwischen beiden Paaren intervenierenden Amme viele stimmliche Unsauberkeiten wett. Trotz der imposanten musikalischen Wiedergabe liegt ein Schatten über dieser Festpremiere, weshalb wohl das Publikum beim Applaus auch nicht jene Euphorie entwickelte, wie man sie aus Glanzzeiten der Staatsoper kennt.

          Weitere Themen

          Hakuna Matata Video-Seite öffnen

          Filmkritik „Der König der Löwen“ : Hakuna Matata

          25 Jahre nach dem Original kommt „Der König der Löwen“ als Neuverfilmung zurück in die Kinos. Die Tricktechnik überwältigt, doch der Spagat zwischen Königsdrama und Tierdoku will nicht so ganz gelingen.

          Topmeldungen

          Wahl von der Leyens : Eine pragmatische Lösung

          Das Europäische Parlament ist über seinen Schatten gesprungen und vermeidet mit der Wahl von der Leyens den Machtkampf mit dem Europäischen Rat. Der Erfolg der CDU-Politikerin sichert auch das Überleben der großen Koalition – fürs Erste.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.