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„Franziska Linkerhand“ : Sie träumt von einer Architektur mit menschlichem Antlitz

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Verkrustete Strukturen: Kathleen Morgeneyer und Maren Eggert in „Franziska Linkerhand“ Bild: Arno Declair

Daniela Löffner inszeniert die Geschichte von „Franziska Linkerhand“ am Deutschen Theater. Sie nimmt die Konflikte ernst – und bleibt dennoch machtlos gegenüber der zu starken Romanvorlage.

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          Einmal zumindest springt im Deutschen Theater Berlin der Funke über, reagiert das heutige Publikum überrascht auflachend auf einen Satz, den die Leser 1974 gewiss sofort dechiffriert hatten: „Keine Mauer ist so stark, dass sie nicht eines Tages einfällt...“, sagt da die junge Architektin, die sich nicht damit abfinden kann, dass sie immer bloß im „typisierten Wohnungsbau“ respektive großflächigen Plattenbau eingesetzt wird, im Kreise der Kollegen. Lieber würde sie frei entwerfen und mit individualisierten Lösungen auf die Bedürfnisse der Mieter nach Abschottung und Gemeinschaft, Praktikabilität und Schönheit reagieren. Doch die Partei sieht das anders, und gegen die dogmatischen Anordnungen der zuständigen Plankommission und deren starre Kostenvorgaben helfen weder Argumente noch Emotionen.

          Im Zentrum des Romans „Franziska Linkerhand“ steht die gleichnamige Architektin, die trotzdem sowohl von einem Sozialismus als auch von einer Architektur mit menschlichem Antlitz träumt. Hier freilich sind die Wände, gegen die sie rennt, unüberwindlich fest. Fast zehn Jahre lang arbeitete die 1933 in Burg bei Magdeburg geborene Schriftstellerin Brigitte Reimann an diesem Werk, das unvollendet blieb, als sie 1973 starb. Für die postume Veröffentlichung hatte die Zensur vier Prozent aus dem Manuskript gestrichen. Erst 1998 erschien eine ungekürzte Buchausgabe.

          Überdimensionale filmische Präsenz

          Am Deutschen Theater hat nun Daniela Löffner in eigener Fassung eine Dramatisierung von Reimanns Opus magnum unternommen. Sie hat am Haus bereits Stücke wie „Väter und Söhne“ nach Turgenjew oder „Sommergäste“ von Gorki inszeniert und dabei eine glückliche Hand für große Besetzungen und komplexe Gesellschaftspanoramen bewiesen. Die Konflikte wurden nicht verjuxt und die Figuren nicht veralbert, sondern die Inszenierungen untersuchten gewissenhaft ihre Motive, Knackpunkte, Verstrickungen. Was bei den historischen Stoffen gut und geistreich funktionierte, klappt diesmal allerdings überhaupt nicht.

          Das fängt schon mit Wolfgang Menardis leerem, nur von einem hellen Rundhorizont gesäumten Bühnenraum an, dessen Weite die Stimmen des zehnköpfigen Ensembles meist nicht gewachsen sind. Vielleicht hängen deshalb Mikrofone vom Himmel herab, werden manche Passagen als Tonaufzeichnungen eingeblendet. Kathleen Morgeneyer als Titelheldin entfaltet zu Beginn eine breite Papierrolle, bis die den ganzen Boden bedeckt und, hinten hochgezogen, als Leinwand dient.

          Denn immer wieder nimmt jemand eine Kamera zur Hand und filmt die Kollegen, die plötzlich in Großaufnahme erscheinen und so in Konkurrenz zu sich selbst geraten: Felix Goeser etwa sitzt als Ben, Franziskas Geliebter, vorne auf dem Boden und erzählt von der Endlichkeit menschlicher Beziehungen im Allgemeinen und seiner im Besonderen. Parallel dazu zeigt die Kamera sein Gesicht, die Bartstoppeln, die desillusionierten Blicke, die Spucke auf den Lippen beim Sprechen. Gegen diese überdimensionale filmische Präsenz ist der kleine Mensch im realen theatralischen Sosein machtlos – wie die Regisseurin gegenüber dem zu starken Roman.

          Inhaltsangabe ohne Tiefe

          Zwar folgt die Inszenierung ihm ernsthaft und bemüht, vermag ihn aber nie zu fassen. Die junge Frau voller Energie und Enthusiasmus, die an der Engstirnigkeit ihrer Vorgesetzten zugrunde geht, wirkt bloß wie ein dauernd unglücklich verliebter Trotzkopf. Kathleen Morgeneyer lässt sie, als habe sie der Begriff „Jammer-Ossi“ besonders inspiriert, stets nervtötend quengeln und greinen. Alle rauchen viel, stecken in ostalgischen Klamotten (Kostüme: Carolin Schogs) und schürfen angestrengt nach der historischen Wahrheit der Vorlage, ohne dass ihnen Daniela Löffner dabei, ungeachtet manch subtiler Figurenzeichnung, helfen könnte.

          Katrin Klein und Helmut Mooshammer als Franziskas von den Zeitläuften überforderte Eltern, Marcel Kohler als ihr vom Leben enttäuschter Bruder, die wunderbare Elke Petri als Großmutter, Maren Eggert als einsame Trinkerin – allen ist der Respekt vor Brigitte Reimann anzumerken, ohne dass sich daraus szenischer Mehrwert ergäbe. Wer denkt, der Besuch der rund vierstündigen Aufführung ersparte die Lektüre der mehr als sechshundert Buchseiten, irrt. Man bekommt höchstens eine biedere, trockene und oberflächliche Inhaltsangabe, die der narrativen wie formalen Vielfalt des Originals, an dem das Stück sich messen lassen muss, bedauerlicherweise nie gerecht wird.

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