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„Der ferne Klang“ in Frankfurt : Bringt Musik die Menschen wirklich zueinander?

Schlussszene aus der Oper „Der ferne Klang“: Grete (Jennifer Holloway) hält Fritz (Ian Koziara) Bild: Barbara Aumüller

Die Uraufführung der „Benjamin Symphonie“ von Peter Ruzicka und die Neuinszenierung von Franz Schrekers Oper „Der ferne Klang“ in Frankfurt führen mitten hinein ins Spannungsfeld von Empathie und Narzissmus in der Kunst.

          Ob Musik ein Tun sei oder ein Ding, soziales Handeln oder in sich geschlossenes Werk, darüber wird seit langem gestritten. Der protestantische Schulmeister Nicolaus Listenius definierte in seinem Traktat „Musica“ von 1537 als Endziel der Musik das „opus perfectum et absolutum“, das vollkommene und von seinem Schöpfer abgelöste Werk. „Er bestimmt“, so kommentierte es der Musiksoziologe Christian Kaden, „die Zuständlichkeit des opus als ,post laborem‘, ,nach Abschluss der Arbeit vorfindlich‘“. Das Werk soll „seinen Erzeuger überdauern, hinaus über dessen Todeslinie, es soll bleiben“.

          Jan Brachmann

          Redakteur im Feuilleton.

          Nun hat Helmut Lachenmann seinerseits vor etwa vierzig Jahren definiert, Komponieren sei nicht etwas sagen, sondern etwas machen. Lachenmanns Stück „Schreiben“, das Peter Ruzicka dieser Tage beim Konzert des hr-Sinfonieorchesters dirigierte, fügt Geräusche vor und neben dem reinen Ton zur Gestalt zusammen, als seien die Geräusche des Schreibens wichtiger als die Schrift oder das Geschriebene. Vor allem durch die Gewandtheit der Musiker und die bündige Zusammenfassung Ruzickas als Dirigent entstand aus dem Prozess dann doch ein Ergebnis, aus dem vielfach tonlosen Rauschen der Bläser so etwas wie eine Kalligraphie gekurvter Luft.

          Dass die Klopfgeräusche auf Metall oder Holz gegen Ende des Stücks etwas mit den Methoden der Datenübermittlung von Häftlingen im Gefängnis, im konkreten Fall mit RAF-Terroristen, zu tun haben, hat Lachenmann bei einer früheren Aufführung dieses Stücks in Berlin angedeutet. In jedem Fall aber haben sich das Komponieren als „Machen“ und das Klopfen als soziales Handeln hier wieder vergegenständlicht zu einem Werk, das einen Autor hat, von diesem aber ablösbar ist. Dem, was frühere Zeiten „Verdinglichung“ nannten, entgeht auch ein solches Komponieren nicht. Als Machen gerinnt es weiterhin in Gemachtem. In der Reflexion dieses Widerspruchs liegt die Kunst.

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          Anders als Lachenmann versteht Peter Ruzicka sein Komponieren durchaus als Sagen, das an einer geschichtlich erschlossenen Sprachfähigkeit von Musik festhält und diese weiterentwickelt. Seine „Benjamin Symphonie“ für Sopran, Bariton, Kinderchor und Orchester, die er in Frankfurt zur Uraufführung gebracht hat, überführt das Material seiner Oper „Benjamin“ ins Lyrische, konzentriert sich unter Weglassung von Figuren wie Hannah Arendt oder Bertolt Brecht vornehmlich auf die Beziehung zwischen Walter Benjamin und Asja Lacis, die zumindest von Seiten Benjamins eine Liebesbeziehung war, zugleich aber eine des ideologischen Konflikts. Dank der phantastisch disponierten Solisten Thomas E. Bauer als Walter B. und Lini Gong als Asja L. trat Benjamins Singen, vornehmlich syllabisch, ganz als empathische Mitteilung hervor, das dem in der Sprache wie in der Musik „erreichten Sozialen“ – wie Hugo von Hofmannsthal es nannte – vertraut. Aus den eisblumenhaften Melismen der Asja L. hingegen sprach das Berauscht-Sein von der eigenen kommunistischen Ideologie. Asjas Gesang ist das Sirenentum scheinbar nicht erschütterbarer Wahrheiten. Dass sie und Benjamin sich in Überlegungen zu einem proletarischen Kindertheater treffen, die Kinder aber unbeeindruckt das „Lied vom bucklicht Männlein“ flüstern, gibt der ideologischen Übereinkunft etwas Gespenstisches. Ruzickas Musik bringt Empathie auf für einen Menschen, der von Gedanken zerrissen wird. Aus dem trüb-traurigen Moll am Ende lockt das Erlösungsversprechen des Todes, dem Benjamin schließlich nachgab. Für all dies brachten die Musiker des hr-Sinfonieorchesters sowie der von Karina Kardaschewa und Markus Ehmann einstudierte Kinderchor der Oper Frankfurt die nötige Wachheit und Empfindsamkeit mit.

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