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„Der ferne Klang“ in Frankfurt : Bringt Musik die Menschen wirklich zueinander?

Franz Schrekers Oper „Der ferne Klang“, von Damiano Michieletto an der Oper Frankfurt gerade neu inszeniert, schreibt diese Problematik von Kunst und Empathie, von Musik als sozialem Handeln oder als Vergegenständlichung des Autors zwecks Überdauerung seines eigenen Todes fort. Dass der Komponist Fritz seine Verlobte Grete verlässt, um „dem fernen Klang“ nachzujagen, greift jene Überlegungen auf, die Hofmannsthal früher schon umgetrieben hatten: Kunst verleitet zum Narzissmus und Solipsismus des Autorensubjekts; sie zerstört damit Empathie als Grundlage einer sozial verantwortlichen Existenz. Fritz will „ein unvergängliches Werk“. Selbst singt er: „Und hab ich den Klang, bin ich reich und frei, ein Künstler von Gottes Gnaden“. Dass Schreker ihn in der 1912 uraufgeführten Oper am Ende an Herzversagen sterben lässt, hat einen Beigeschmack von spätpubertärem Selbstmitleid.

Bezaubernd aber lässt Frankfurts Generalmusikdirektor Sebastian Weigle mit dem Opern- und Museumsorchester diesen „fernen Klang“ – ganz zarte Streicher- und Harfenklänge in einer Überkreuzung aus diatonischer Funktionsharmonik und Ganztonleiter – Gestalt werden. Auch Michieletto und sein Bühnenbildner Paolo Fantini finden für die Metapher des „fernen Klangs“ und der vorwegnehmenden Erinnerung schöne, klare Bilder: Alle Wände bestehen nur aus Schleiern, die durchsichtig bleiben für das, was hinter ihnen liegt. Die Handlung wird zur Suche alter Menschen nach der verlorenen Zeit, nachdem sie in ihrer Jugend den falschen Zielen nachjagten.

Jennifer Holloway als Grete zeichnet mit ihrem Sopran eindrucksvoll den Lebensweg von einem jungen, lyrisch timbrierten Mädchen zu einer zermürbten, aber barmherzigen Dirne fünfzehn Jahre später nach. Ian Koziara als Fritz hat einen überaus lyrischen Tenor, der bei Vokalansätzen jeden Glottisschlag vermeidet, also weich und frei von Einschwingvorgängen in den reinen Ton gleitet und an Phrasenenden mit inniger Eleganz die Lautstärke abschwellen lässt.

Frankfurts Operndramaturg Norbert Abels, der sich zum Kummer seines Publikums nach fünfunddreißig Jahren an dieser Stelle in den Ruhestand verabschiedete, wies in seiner Einführung zu dieser sehenswerten Inszenierung eines seiner Larmoyanz wegen nicht unproblematischen Stücks auf die Nähe von Schrekers Oper zum damaligen Naturalismus bei Gerhart Hauptmann und Henrik Ibsen hin. Man bemerkt sie dann auch in Schrekers musikalischer Prosa bei der Schilderung weiblichen Elends. Die Poesie des „fernen Klangs“ jedoch bleibt von dieser Sphäre getrennt und damit jenseits des „erreichten Sozialen“. Auch in der Reflexion dieses Widerspruchs liegt bei diesem Werk die Kunst.

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