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Kafkas „Schloss“ in Hamburg : Geölt und vergrübelt

  • -Aktualisiert am

Bei Franz Kafkas „Schloss“ wird geklettert und getanzt, jongliert und getrickst, dass es jedem Varieté zur Ehre gereichen würde. Bild: Thomas Aurin

In seiner Inszenierung macht Viktor Bodo „Das Schloss“ zu einer breitwandigen Studie über das Tollhaus einer Zivilisation, die vergessen hat, wozu sie da ist. Er bringt Franz Kafkas Werk näher, als es uns lieb sein kann.

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          Wie kafkaesk ist das denn, denkt man sich unweigerlich, wenn das Licht im Saal des Schauspielhauses Hamburg zuckend verlischt, als gäbe es einen Kurzschluss, und wenn sich sogleich der alte, ähnlich einer Stofftapete gestreifte und mit Ranken gesäumte Vorhang mit unerwartetem Krach öffnet. Und das liegt nicht bloß daran, dass hier der ungarische Regisseur Viktor Bodo eine Adaption von Franz Kafkas Roman „Das Schloss“ inszeniert, sondern auch an dem wahrhaft surrealen Bühnenbild von Zita Schnábel, das zum Vorschein kommt. Auf der mächtigen, kompakten Stahlkonstruktion, die wie der postmoderne Rohbau eines runden Einkaufszentrums wirkt, turnen Arbeiter herum, sie hämmern, dass es nur so kracht, und schweißen, dass die Funken fliegen. Es ist ein herrlicher Lärm und ein grandioser Tusch aus Hektik, Aktivität und Leerlauf.

          Das Betreten dieser nebeligen Baustelle ist verboten, aber der Mann, der in der Mitte mit dem Rücken zu uns steht, hat es trotzdem getan. Es ist der Landvermesser K., der sich um einen Auftrag bewerben möchte. Doch den Grafen, der ihn eventuell beschäftigen will, wird K. nie treffen, ja das geheimnisvolle Schloss überhaupt nie erreichen. Stattdessen passieren ihm obskure Dinge, er lernt merkwürdige Menschen kennen und verliert alle Gewissheiten seines bisherigen Lebens samt seiner Identität. Die Bürokratie, die ihm begegnet, ist völlig sinnlos und undurchschaubar. Und K. gerät drastisch unter die Räder dieser stählern-kalten Apparatur und wird dadurch wohl sterben.

          Bei Kafka weiß man das nicht ganz genau, sein Roman blieb unvollendet. Bodo hütet sich gleichfalls vor einer endgültigen Antwort, lässt K. schließlich in einer Apotheose zwischen den zunächts recht garstigen, dann plötzlich freundlichen Bewohnern und Schloss-Bediensteten einfach in die nächsten Dimensionen des Absurden vordringen. Wie zur Belohnung erhält der arme Landvermesser einen Schlüssel in die Hand gedrückt, während zahllose Vorhängeschlösser aus dem Himmel herabsinken, aus denen er dasjenige herausfinden soll, zu dem dieser passt. So erschafft Viktor Bodo, der schon andere Romane Kafkas dramatisiert hat, immer neue Bilder, die mit ihrer skurrilen Phantastik und ihrem packenden Aberwitz die Atmosphäre der Vorlage ins Heute versetzen.

          Die Theatermaschinerie ist bestens geölt

          Die gewaltige Theatermaschinerie des Schauspielhauses Hamburg ist dabei bestens geölt und zaubert die schaurig-schönsten Geräusch- und Beleuchtungseffekte herbei, so dass der zweistündige Abend zu einer veritablen Geisterbahnfahrt wird. Ein Schaltkasten reagiert auf Knopfdruck mit unglaublichen Effekten, Stroboskoplicht entrückt Bewegungen in harten Sequenzen, Musikschnipsel werden – wie einmal von einem Grammophon – eingeschossen, ansonsten begleiten vier Musiker live im Orchestergraben. Das Chaos scheint außer Rand und Band, aber es bleibt streng geordnet. Auch da folgt Bodo eng dem Stil Kafkas, der trotz des beschriebenen Widersinns der Verhältnisse und Umstände nie die literarische Fassung verlor. Das hinreißende Ensemble bewältigt diesen paradoxen Parcours der Vergeblichkeiten mit Virtuosität. Es wird geklettert und getanzt, jongliert und getrickst, dass es jedem Varieté zur Ehre gereichen würde.

          Mit höchster technischer Raffinesse und körpersprachlicher Eloquenz zeichnen sie die bizarren narrativen Spuren von Kafkas Personenpanoptikum nach: Lina Beckmann als barsche Wirtin und später als alerter Sekretär Erlanger, der höhnisch „Mit Vollgas ins Verderben“ empfiehlt, Sasha Rau und Gala Othero Winter als die Frauen, die um K. mit undurchsichtigen Absichten herumschwirren, Bettina Stucky mit Bärtchen als Offizieller des Schlosses, Christoph Jöde, Yorck Dippe, Jan-Peter Kampwirth, Matti Krause, Jan Thümer und Michael Weber als devote wie autoritäre Männerrunde, die zwar ebenfalls nicht weiß, was eigentlich los ist, das jedoch unter keinen Umständen zugeben will.

          Carlo Ljubek als der tänzerisch verzweifelte Landvermesser versucht sich mit unverzagter Halsstarrigkeit gegen die Tücken der Schloss-Welt zu behaupten. Die Aufführung ist so komisch wie erschreckend, so glatt poliert wie rabiat vergrübelt. Zuletzt verknüpft Bodo den Albtraum noch mit der Illusion von Filmdreharbeiten, was die Surrealität des Geschehens weiter verstärkt. „Hört mich hier jemand?“, ruft K. fragend in die zunehmende Dunkelheit. Todmüde schläft er ganz am Schluss, allein im Kern eines gigantischen Treppenauges, ein. In seiner gekonnt aufwendigen Inszenierung macht Viktor Bodo „Das Schloss“ zu einer famos breitwandigen Studie über das Tollhaus einer Zivilisation, die vergessen hat, wozu sie da ist. Er bringt uns Franz Kafkas Werk näher, als es uns lieb sein kann.

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