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Saisonauftakt in Frankfurt : Das ist die entfesselte Bestie Mensch

Komet im Kästchen: Sarah Grunert als Lisbeth und Sebastian Reiß als Kohlhaas im Schauspiel Frankfurt. Bild: Thomas Aurin

Saisonauftakt am Schauspiel Frankfurt: Drei Premieren nach Vorlagen von Irmgard Keun, Upton Sinclair und Heinrich von Kleist verhandeln Gerechtigkeitsfragen.

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          Kaum ein Begriff fiel in diesem Bundestagswahlkampf so häufig wie das Wort Gerechtigkeit – in jeglicher Ausführung: Klimagerechtigkeit, soziale Gerechtigkeit, Generationengerechtigkeit. Wie in der politischen Rhetorik, so sind auch am Theater der Gerechtigkeitsbegriff und dessen Antagonist – die Ungerechtigkeit, nicht wegzudenken. Mit drei Romanadaptionen versucht das Schauspiel Frankfurt sich der diesjährigen Spielzeiteröffnung an die Gerechtigkeitsfrage zu nähern. Drei Protagonisten, die sich wehren, kämpfen und austesten, wie der Mensch in ungerechten Systemen überleben kann, stehen dabei im Mittelpunkt.

          Kevin Hanschke
          Volontär.

          In den Kammerspielen ist das in Barbara Bürks Romanadaption von Irmgard Keuns „Nach Mitternacht“ mit einem Rückblick in das Jahr 1936 verbunden. Das „Dritte Reich“ hat sich konsolidiert, Hitler besucht Frankfurt, und der Vernichtungswille der Nationalsozialisten dringt in alle Gesellschaftsschichten ein. In einem kargen Verhörzimmer sitzt die verängstigte Ich-Erzählerin Sanna, siebzehn Jahre alt. Sie wurde von der Gestapo verhaftet, weil ihre Tante Adelheid sie angezeigt hat. Als die Großfamilie zusammen vor dem Volksempfänger saß, soll Sanna gesagt haben, dass ihr bei Hitlers Reden vor allem sein Schwitzen imponiere. Für die Tante, die Blockwartin des Hauses, ist das ein Affront, für den Richter eine Bagatelle. Doch die Szene zeigt, was in Familien die Folgen der NS-Herrschaft sein konnten – Denunziation und Ohnmacht: „dat janze Volk sitzt im Konzentrationslager, nur die Regierung läuft frei herum“.

          Ich träume von wollenden Herzen

          Barbara Bürk inszeniert den Roman, der 1980 schon einmal in Frankfurt auf die Bühne gebracht wurde, als tragikomischen Reigen mit kölschem Dialekt – ein spannender Ansatz, der sich von vielen Familiengeschichten aus der NS-Zeit unterscheidet. Sanna mit ihrer Gedankenwelt wird von sechs verschiedenen Schauspielern verkörpert, Männern und Frauen, unter anderem Christina Geiße und Christoph Pütthoff. „Am besten gar nicht mehr lachen“, lautet die Devise der neuen Zeit. Durch den Rollenwechsel spiegelt sich auch das Sannas Zerbrechen an den Ungerechtigkeiten im „Dritten Reich“ wieder. Sie muss sich entscheiden – sich der Diktatur anzupassen oder ins Ausland gehen. Am Ende des Verhörs seufzt sie: „Ich träume von Ländern, wo man sagen kann, was das Herz will“.

          Die Nation der Freiheit, die Vereinigten Staaten von Amerika, stand im Mittelpunkt der ersten Premiere im Großen Haus – erstmals wieder mit voller Publikumsbesetzung. In drei Kapiteln – „Soft Oil, Tough Oil und Petromelancholie“ – inszeniert Jan-Christoph-Gockel seine Bühnenadaption von Upton Sinclairs Roman „Öl“ und erzählt die Familiengeschichte des Ross-Clans. Das Bühnenbild ist pechschwarz. Dunkle Pfützen deuten an, das hier das schwarze Gold gewonnen wird – Millionen Jahre alte Energie, die jetzt die Räder der Gegenwart antreibt. Ein roter Praga Picollo, ein Oldtimer aus dem Jahr 1927, ist der MacGuffin, der die Handlung vorantreiben soll. Leider bleibt das Auto der einzige Handlungstreiber und rote Faden der Aufführung.

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