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Castorfs Sternheim in Köln : Wir sind diese Welle selbst

Europa ist in Sternheims gleichnamigem Roman die Erbin eines Kunsthändlers: Lilith Stangenberg und Nikolay Sidorenko auf der Mülheimer Ersatzbühne des Schauspiels Köln. Bild: Thomas Aurin

Kann es sein, dass Frank Castorf auf seine alten Tage werktreu geworden ist? Papperlapapps! Am Schauspiel Köln bietet er einen Abend „nach Carl Sternheim“ mit überwältigender Wirkung.

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          Es geht auf Mitternacht zu, und auf der großen Bühne der Ausweichspielstätte des Kölner Schauspiels in Mülheim fällt noch immer nicht der Vorhang, sondern noch einmal die Leinwand. Sie ist an der Oberkante des Bühnenkastens befestigt und wird hinabgelassen wie in der Schule in der uralten Zeit des Frontalunterrichts eine Landkarte mit Front- oder Grenzverläufen. Die Projektionen verdoppeln entweder das Bühnengeschehen, wenn mit einer Videokamera gefilmt wird, was sich in einem Separee im hinteren oberen Winkel der Bühne abspielt, oder sie fügen der Handlung etwas ganz anderes hinzu, durch einen Griff in den Fundus der Kinogeschichte – wie in der Schule früher nur in der letzten Stunde vor den großen Ferien.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Unter dem Titel „Aus dem bürgerlichen Heldenleben“ inszeniert Frank Castorf einen Abend „nach Carl Sternheim“, in den er nicht nur die Theaterstücke eingearbeitet hat, die Sternheim selbst zu einem Zyklus mit diesem Titel zusammenfasste, „Die Hose“, „Der Snob“, „1913“ und „Das Fossil“, sondern auch den Roman „Europa“. Und das ist noch nicht genug des erlesenen Rohstoffs für die große Materialschlacht. Also wird uns fast zum Schluss noch das Ende von Friedrich Wilhelm Murnaus Film „Tabu“ gezeigt.

          Wir hören die Szene vom Untergang der Romanheldin Europa, die auf dieselbe Weise zu Tode kommt wie der gleichnamige Kontinent, in einem Exzess kriegerisch-revolutionärer Gewalt, einer selbstmörderischen Generalmobilmachung, die in Bildern eines Seesturms beschrieben wird – und wir sehen im Schwarzweißfilm, wie der alte Eingeborene ungerührt in See sticht, um die junge Eingeborene zu entführen, wie das Tabu es befiehlt, sehen, wie der junge Eingeborene dem Segelschiff nachsetzt, ins Wasser springt, an Land hechtet und wieder ins Wasser springt, sehen, wie der Junge schwimmend das Schiff einholt und das Seil schon gepackt hat, das der Alte dann ungerührt durchschneidet. Unser Herz pocht mit dem Schwimmer, und nicht nur des Mädchens wegen. Seit fast sechs Stunden haben wir uns selbst dem Regiment eines extremen Ausdauersports unterworfen, und noch einmal mobilisieren wir letzte Kräfte.

          Eine Revolution der Rezeption

          Ungerührt kappt der Regisseur die Leine nicht. Es ist noch nicht vorüber. Und dann ereignet sich das Wunder. Wir gehen nicht unter, sondern fühlen uns getragen von der Strömung, eins mit der Flut. Castorf überfordert unsere Aufnahmefähigkeit mit der planerischen Unerbittlichkeit des Grafen Schlieffen, um eine Revolution der Rezeption auszulösen: Hier nimmt das Stück den Zuschauer auf, verleibt ihn sich ein. Eine Hotelhalle ist das Bühnenbild von Aleksandar Denić, möbliert mit den Versatzstücken der Weltruinenromantik aus der bildungsbürgerlichen Erinnerung an das Ende des bürgerlichen Zeitalters. Wir wissen, was uns erwartet. Aber der Versuch, das Endspiel zu verstehen, beschert uns eine Serie von Nervenkrisen.

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