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Castorf rockt die Volksbühne : Mit Stalin im Nacken

  • -Aktualisiert am

Die Schauspieler wissen, was Frank Castorf sehen will: Alexander Scheer, Hanna Hilsdorf, Patrick Güldenberg, Jeanne Balibar und Jean-Damien Barbin (von links) bringen „Die Kabale der Scheinheiligen. Das Leben des Herrn de Molière“ über die Bühne. Bild: Thomas Aurin

An der Volksbühne zeigt sich Regisseur Frank Castorf abermals als absoluter Künstler. Mit „Die Kabale der Scheinheiligen. Das Leben des Herrn de Molière“ überfordert er alle. Und das ist auch gut so.

          3 Min.

          Irgendetwas mit Molière würde es schon werden, davon konnte man ausgehen bei Frank Castorfs neuer Inszenierung an der Berliner Volksbühne. Denn sie bezog sich auf gleich zwei zugehörige Vorlagen: Michail Bulgakows um Molière kreisendes Theaterstück „Die Kabale der Scheinheiligen“ (1936) und dessen kurz zuvor entstandenen Roman „Das Leben des Herrn Molière“. Ganz von ihnen entfernte sich Castorf tatsächlich nicht, obwohl er gewohnt frei und wie üblich überaus locker damit umging.

          Für Bulgakow war der französische Dramatiker eine willkommene historische Referenzgröße, um über seine eigene Situation als politisch unerwünschter Autor im stalinistischen Russland der dreißiger Jahre aufmerksam zu machen, dessen Werke nicht mehr veröffentlicht und gespielt wurden. In seiner Verzweiflung schrieb er im März 1930 einen Brief direkt an Stalin, schilderte seine Probleme, bat um Arbeit oder die Ausreise. Stalin selbst rief ihn an, vermittelte ihn als Regie-Assistenten ans Künstlertheater. Molière wiederum konnte sich eine Zeitlang des Wohlwollens von König Ludwig XIV. erfreuen, das jedoch endete, als er die Kirche in „Tartuffe“ zu hart angriff. Künstler und Politiker ertragen ihre jeweiligen Omnipotenzansprüche meist nur begrenzt.

          Das Schlafzimmer des Königs bewegt sich

          Frank Castorf hält sich jetzt in seinem szenischen Diskurs darüber erstaunlicherweise ziemlich zurück, erfreut sich eher daran, statt künstlerischen Barrikaden- und Unabhängigkeitskämpfen Molières erotischen Verstrickungen nachzuspüren und dessen Komödien anzudeuten. Da der auch Tragödien von Pierre Corneille aufführte, werden zum Beispiel lange Passagen aus „Phèdre“ zitiert. Jeanne Balibar tut dabei mit Ironie und Grazie genau das, was man der französischen Klassik vorwirft, nämlich herumstehen und rezitieren. Die Längsseite einer überdimensionalen Kutsche wurde dafür als Plattform heruntergeklappt und ein Kronleuchter vom Kutschendach gekurbelt.

          Der frühe Paradiesvogel fängt den Wurm: Jeanne Balibar und Patrick Güldenberg in Aktion.

          Der Bühnenbildner Aleksandar Denić hat dieses enorme Gefährt noch mit einer schäbigen Bar samt Stalin-Poster im Inneren und einer kleinen, armseligen Kutsche ausgestattet, die – wie ein Moped an einem Wohnmobil – am Heck hängt. Die anderen Elemente vor dem weißen Rundhorizont, wie die große Videowand und das stoffbehängte Schlafzimmer des Königs, sind gleichermaßen beweglich und werden im Lauf des über fünf Stunden langen Abends mal hier, mal dort positioniert – ähnlich wie die Schauspieler, die man allerdings wieder einmal häufig bloß per Videokamera in geschlossenen Innenräumen sehen kann.

          Neu in Frank Castorfs Wirkungsästhetik ist freilich, dass er diesmal seine spezielle Art des Inszenierens plastisch erklären lässt: „Immer geht’s ums Spielen, nicht ums Deklamieren“, verlautbart Alexander Scheer als Molière. Das heißt: auf der Banane ausrutschen ist besser als Textanalyse oder Psychologie. Das castorfgestählte Ensemble weiß damit viel anzufangen, braucht keinen langen Anlauf, um in Rage und außer sich zu geraten, hysterische Anfälle so sicher wie ausgedehnte Sterbeszenen hinzulegen. Man trinkt – wie in „Warnung vor einer heiligen Nutte“ – reichlich Cuba libre, weil auch weitschweifig aus diesem Film Rainer Werner Fassbinders zitiert wird. Darin werden ebenfalls die Nöte eines Regisseurs thematisiert, der aber nicht mit Politikern Ärger hat, sondern – wir befinden uns im Jahr 1970 – mit seinen Geldgebern. Alexander Scheer schlenzt den daraus entlehnten Jeff angeödet – hochmütig aufs Sofa, und wenn der sagen soll, wovon sein Film eigentlich handelt, quetscht er die Worte „Staatlich sanktionierte Brutalität“ wie ein Cowboy aus den Mundwinkeln.

          Ein Triebwagen unter Hochdruck

          Als Molière ist Scheer hingegen ein Triebwagen unter Hochdruck und obsessiv hinter der aparten Armande der Hanna Hilsdorf her, die eventuell seine Tochter ist, was ihn nicht kümmert. Jeanne Balibar klammert sich als deren Mutter, seine langjährige Weggefährtin und Geliebte, mit peinlicher Anhänglichkeit und ohne Furcht vor Demütigungen an ihn. Die Darsteller wechseln sich im Zuge der Aufführung in den Rollen ab und jeder kriegt sein Solo, ob Georg Friedrich als nonchalant gammeliger Sonnenkönig, Daniel Zillmann als ungestümer Star im Liebhaberfach von Molières Truppe oder Lars Rudolph als eindringlich verkommener Pariser Erzbischof. Hübsch versteckt sich im von allen mit Begeisterung so genannten „Klavizimbel“ der junge Rocco Mylord, indes Sir Henry auf diversen Tasteninstrumenten für barocke Begleitmusik sorgt. Von der Geburt Molières erzählt Sophie Rois am Anfang mit ihrer sagenhaft rauchigen Stimmen, an der man sie selbst im Dunkeln sofort erkennt, weshalb sie in dieser atmosphärisch feinen Eröffnung kein Licht bekommt. Gegen Ende wird sie dann mit Wut und Anspannung den berühmten Brief Bulgakows an Stalin vortragen, von Verhören und Folter sprechen.

          Frank Castorf schert sich nicht um Zeit und Raum, um Figuren und Erzählzusammenhänge. Mit seiner inspiriert polymorphen wie beherzt maßlosen Collage überfordert er die Schauspieler wie das Publikum und bewährt sich dabei als aufgeklärter, absoluter Künstler. Auch wenn seine Inszenierungen nicht immer rundum gelungen sein mögen, muss man ihm doch Dank zollen dafür, dass er die Volksbühne nie ins hauptstädtische touristenkonforme Wellness-Programm eingegliedert hat, wie das der Berliner Senat gern gehabt hätte und mit dem Kuratoren-Intendanten Chris Dercon von 2017 an versuchen wird. Angesichts dessen erscheint Molière erst recht wie der Prototyp des freien Künstlers – nur dass die Kosten für diese Freiheit heutzutage nicht geringer geworden sind.

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