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Frank Castorfs Abschied : Er möchte ja, aber kann halt nicht

Los jetzt, wir müssen fertig werden: Letzte Szenen im Großen Saal, bevor am Ende dieser Spielzeit der Vorhang für die Ära Frank Castorfs fällt. Bild: Thomas Aurin

Geht’s noch ein bisschen kleiner? Mit dem verlorenen Wassja in Dostojewskis Erzählung „Ein schwaches Herz“ verabschiedet sich Frank Castorf nach fünfundzwanzig Jahren von der Berliner Volksbühne.

          Vor der Volksbühne steht eine Mahnwache: junge Menschen, die patrouillierend auf- und abgehen, dem Vernehmen nach rund um die Uhr. Sie geben sich martialisch und wirken schutzbedürftig. Auf dem Kopf tragen sie Stahlhelme, die bei schönstem Sonnenschein unter aufgespannten Regenschirmen stecken, auf denen die Konterfeis lokaler Schutzheiliger wie Heiner Müller prangen. Ob sich der bevorstehende Zeitenwechsel ausgerechnet mit einer Passions-Performance aufhalten lässt? Auf der anderen Straßenseite, hinter heruntergelassenen Jalousien, liegen die Räumlichkeiten von Chris Dercons Übergangsresidenz. Solange der alte Theaterkönig noch auf dem Thron sitzt, ist sein Nachfolger Exilant im eigenen Reich. Auf der einen Straßenseite: Premiere. Auf der anderen: Stille. Nichts rührt sich hinter den Jalousien. Niemand blinzelt heraus. Warum auch? Man weiß, man hat die Zeit auf seiner Seite.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Dass ich nicht enden kann, das macht mich groß, mag sich Frank Castorf gesagt haben, stand vom Divan auf, ging ans Bücherregal und griff noch einmal in die Dostojewski-Ecke. Jedoch: Der Spieler, Schuld und Sühne, Die Brüder Karamasow, Der Idiot, Die Dämonen, Erniedrigte und Beleidigte, Die Wirtin – alles schon abgegrast, auf die Bühne gezogen, gezerrt, geschleppt und geworfen, von Castorf im Lauf der Jahre in lichte Höhen hinauf- und in tiefste Abgründe hinunterdramatisiert und verhackstückt. Dostojewski, ein gründlich aufgearbeiteter, also erledigter Volksbühnen-Fall. Allerdings: Es gibt da noch einige kleinere Werke, Erzählungen nämlich. Dostojewskimäßig würde also doch noch einmal ganz hübsch was gehen. Das war ein Irrtum, dessen Folge nun vier pausenlose Stunden währte.

          Der letzte Blick des schwachen Herzens

          Das sind immerhin fast drei Stunden weniger, als die eigentliche Abschiedsgala gedauert hat. Nach fünfundzwanzig Volksbühnen-Jahren ging es im März zum Abschluss auf den „Mount Faust“, wie Carl Hegemann, Volksbühnen-Großkommunikator und altgedienter Theoriefex, angekündigt hatte. Mit dem „Faust“ wollte Castorf seine Ära besiegeln und der Epoche des ausbeuterischen Kolonialismus den Prozess machen. Aber weil auf die große Tragödie immer das kleine Satyrspiel folgen muss und Goethe hier vielleicht doch nicht das letzte Wort haben durfte, wurde noch eine allerletzte Castorf-Inszenierung angekündigt: „Ein schwaches Herz“, eine der frühen Erzählungen Dostojewskis, 1848 erstmals veröffentlicht, ergänzt um „Bobok“, eine weitere Dostojewski-Erzählung, sowie Michail Bulgakows posthum veröffentlichtes Stück „Iwan Wassiljewitsch“. Ein Mischmasch also, nachlässig, bemüht und teilweise lustlos verquirlt und obendrein versetzt mit Filmmaterial aus dem Fundus des populären sowjetischen Kinos der siebziger Jahre. Mehr als sechzig Millionen Zuschauer sollen Leonid Gaidais Filmversion von Bulgakows Satire damals gesehen haben. Ob es künftig noch viel mehr werden, muss vorerst offenbleiben: Die per Video eingespielten Schnipsel machen den Eindruck, als habe das sowjetische Zentralkomitte der KPdSU damals die Olsen-Bande eingeladen, zusammen mit Louis de Funès und Blake Edwards eine James-Bond-Parodie mit Iwan dem Schrecklichen in der Rolle des Superschurken Blofeld zu drehen. Kultpotential scheint also vorhanden.

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