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Castorfs „Švejk“ in München : Nichts Neues aus der Gulaschkanone

Schwerstarbeit: Aurel Manthei, Franz Pätzold, Katharina Pichler und Götz Argus in Frank Castorfs Münchner Adaption von Jaroslav Hašeks „Švejk“ Bild: Matthias Horn

Zeit zum Träumen in einer langen Nacht: Mit „Švejk“ schickt Frank Castorf seine Darsteller am Residenztheater in München auf einen Hochleistungsparcours.

          3 Min.

          Eine halbe Stunde vor Mitternacht klettert Bibiana Beglau in die Gulaschkanone. Frank Castorfs Münchner Inszenierung des „Švejk“, die mit dem berühmten, 1921 erschienenen Weltkriegsroman von Jaroslav Hašek kaum etwas zu tun hat, dauert zu diesem Zeitpunkt bereits mehrere Ewigkeiten. Bibiana Beglau, eine Schauspielerin, die für ihren Wagemut und ihre unbändige Lust an Grenzüberschreitungen bekannt ist, geht jetzt dorthin, wo noch niemand war, nicht einmal ihr Regisseur.

          Hubert Spiegel
          Redakteur im Feuilleton.

          Ist nicht das Innere einer k. u. k. Gulaschkanone aus dem Ersten Weltkrieg womöglich der letzte unerforschte Ort des postdramatischen Theaterpauschalreisebetriebs? Was könnte, was müsste jetzt nicht alles passieren! Eigentlich sollte, wie immer bei Castorf, dort bereits ein Videokameramann auf sie warten, der in grobkörnigen Bildern dokumentiert, wie die Schauspielerin im unterseebootartig eingerichteten Gulaschkanoneninnenraum ihren Körper mit den dort reichlich vorhandenen Erbsensuppenresten einschmiert, während sie zentrale Szenen aus kanonischen U-Boot-Kriegsfilmen wie „Das Boot“, „Jagd auf Roter Oktober“ und „Unternehmen Petticoat“ nachspielt.

          Er hat aus dem Einfall einfach nichts gemacht

          Ein großer Teil des Publikums hat das Residenztheater bereits verlassen, nicht wenige sind schon vor der Pause gegangen. Wer geblieben ist, blinzelt nun in gebanntem Halbschlaf mit schweren Lidern auf die beiden Videoeinspielflächen, die Aleksandar Denić gewohnt souverän in seinem Bühnenbild untergebracht hat. Müsste man nicht dort mitansehen können, wie das Erbsensuppenunterseeboot jetzt erzittert, die Bolzen reißen und statt Wasser eine bräunlich-klebrige, von einem bösen amerikanischen Weltkonzern produzierte Brühe namens Coca-Cola in den Innenraum eindringt? Castorfs Gulaschkanone ist die „Titanic“ unter den Theatergulaschkanonen, müsste also zügig untergehen. Bibiana Beglau würde das Schiffsunglück als Einzige überleben und sofort weiterspielen. Während Suppenreste und Colafluten auf ihrem Körper langsam trockneten, könnte sie etwas Schönes singen, zum Beispiel „Das kann doch einen Seemann nicht erschüttern“.

          Aber ach, all das ist ja gar nicht passiert. Castorf, jetzt auch noch Beinahe-Feldküchenchefkoch deutscher Bühnen, hat es sich entgehen lassen. Er hat aus dem Einfall, Bibiana Beglau in der Gulaschkanone verschwinden zu lassen, einfach nichts gemacht. Sie klettert hinein, spricht ein paar Sätze, und klettert wieder heraus. Das ist schon alles. Gehen dem alten Volksbühnen-Kaleu etwa die Ideen aus?

          Nicht verharmlost, sondern marginalisiert

          Andererseits herrscht an wirren Einfällen auch an diesem Abend kein Mangel. Das fängt damit an, dass der Regisseur seinen Hauptdarsteller Aurel Manthei als Švejk über weite Strecken des Abends von der Bühne verbannt. Das Zentrum der knapp fünfstündigen Inszenierung bildet eine Leerstelle, die sich von ihren ausgefransten Rändern her nicht auffüllen lässt.

          Švejk, der Prager Hundehändler, der in die Maschinerie des Ersten Weltkriegs gerät und sich ihr mit berechnender Naivität zu entziehen versucht, der sich um Sieg oder Niederlage nicht schert und kein höheres Ziel kennt, als die eigene Haut zu retten, ist die durch und durch unheroische Symbolfigur des Widerstands gegen Diktaturen jeglicher Art. Immer wieder, etwa in der Verfilmung mit Heinz Rühmann im Jahr 1960, musste Švejk Verhunzung durch Verharmlosung über sich ergehen lassen. Jetzt, bei Castorf, wird er nicht verharmlost, sondern marginalisiert.

          Vielleicht das Einzige, was Castorf noch provozieren kann

          Das geschieht vermutlich aus zwei Gründen: Das Loblied des sogenannten „kleinen Mannes“, der mit Witz, Chuzpe, und einem unreflektierten, anarchischen, aber völlig unpolitischen Instinkt die stupide Mechanik des Militärs entlarvt, wollte Castorf gewiss nicht singen, die anekdotische Form des unvollendet gebliebenen Romans, der Geschichtchen um Geschichtchen aneinanderreiht, liegt ihm ebenso wenig. Deshalb flüchtet er sich mit seinem Ensemble auf seinen Privatabenteuerspielplatz, eine wandelbare Bretterburg mit Coca-Cola-Leuchtreklame (versehen mit dem Zusatz „Migrants free“), Latrine, Stacheldrahtverhau, Galgen und Grenzerhäuschen. Auf der einen Seite ist sie ein Güterwaggon für den Soldatentransport, auf der anderen ein Kunsttempel, den Denič der Berliner Volksbühne nachempfunden hat, den großen Kronleuchter eingeschlossen und zur späteren Nutzung als Gartenlaube für den Intendanten im Ruhestand durchaus geeignet.

          Castorf gefällt sich in Selbstreferentialität, lauen Witzen und müden Provokationen. Die Energie, die seinen nach einem Rechtsstreit mit den Brecht-Erben im letzten Jahr abgesetzten „Baal“ durchzuckte, scheint spurlos verschwunden. Stattdessen kokette Verweigerung, die Beliebigkeit mit Unabhängigkeit verwechselt. Der Regisseur überlässt es seinen Zuschauern, herauszufinden, was ihn an Hašeks Roman interessieren könnte, treibt ihnen aber alle Lust aus, es zu versuchen.

          Wenn Jeff Willbusch, der zunächst wie der junge Maxim Gorki aussieht, später als Kadett Biegler mit heruntergelassener Unterhose und baumelndem Geschlechtsteil über der Latrine steht und einen Song der Achtziger-Jahre-Band „Trio“ mitsummt, die auf der Videoeinspielfläche auftaucht, muss das niemanden schockieren. Aber Mitleid regt sich in solchen Momenten. Vielleicht ist dies das Einzige, was Castorf noch provozieren kann. Die Schauspieler, allen voran Valery Tscheplanowa als irrlichternde Witwe im Kostüm einer brasilianischen Sambatänzerin, leisten überwiegend Schwerstarbeit. Und tatsächlich: Auch an einem solchen Abend gelingen Castorf noch immer einige betörende Bilder, in denen hinter einem Wall von Routine, erschöpfter Wut und der schütteren Allüre der Selbstgefälligkeit etwas wie Sehnsucht erkennbar wird.

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