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„Galileo Galilei“ in Berlin : Viel Theater und ein bisschen Pest

  • -Aktualisiert am

Jürgen Holtz, 1932 geboren, spielt Galilei, der im Stück 46 Jahre alt ist. Bild: Barbara Braun/drama-berlin.de

Frank Castorf inszeniert „Galileo Galilei“ von und nach Bertolt Brecht in Berlin. Der Abend dauert deprimierende sechs Stunden – vielleicht, weil es vertraglich so vereinbart war.

          Ob er es will oder nicht, Frank Castorf ist lange schon zu einer etablierten Marke geworden. Wer ihn engagiert, möchte meist ein Stück vom Glanz der Volksbühne kaufen, an der Castorf von 1992 bis 2017 Intendant war und die er zu internationalem Ruhm führte. Seit sein Vertrag dort nicht verlängert wurde, reist er als vielbeschäftigter freischaffender Regisseur durch die Lande und geht seinem Beruf mit den ästhetischen Prämissen nach, die ihn und sein Ensemble einst so erfolgreich machten. Aber dieser Erfolg ist nicht unproblematisch.

          Denn die Schauspielerinnen und Schauspieler der Volksbühne, die seine Intentionen oft höchst wirkungsmächtig umzusetzen vermochten, sind in alle Himmelsrichtungen zerstreut, und er muss mit den Akteuren des Theaters arbeiten, das ihn verpflichtet hat. Die Anzahl der Gäste, die er mitbringen darf, ist aus Kostengründen begrenzt. Dennoch gibt es überall die ausdrückliche Erwartung, dass eine Castorf-Inszenierung laut und schrill und schräg sein und mindestens vier Stunden dauern muss, damit sich Intendanten und Zuschauer nicht geprellt fühlen. Castorf strickt da artig mit, obwohl nicht jedes Ensemble eine derartige Strapaze bewältigen kann und auch er selbst sie nicht immer zu füllen vermag. Unschön zu beobachten ist diese Crux jetzt am Berliner Ensemble, wo seine neueste Produktion herauskam: „Galileo Galilei. Das Theater und die Pest. Von und nach Bertolt Brecht mit Musik von Hanns Eisler“.

          Keifen und zetern, schwitzen und schreien

          Weil Brecht darin unter anderem den Ausbruch der Pest erwähnte, wurden Texte des französischen Autors Antonin Artaud (1896 bis 1948) eingebaut, der sich mit künstlerischer Entgrenzung und der Analogie von Pest und Theater beschäftigte. Könnte ja passen, möchte man sagen, dann zeigt doch mal! Castorf indes zeigt hier wenig, sondern lässt monologisieren, dozieren, auf Gedeih und Verderb deklamieren. Aleksandar Denić hat ihm für das diesmal ziemlich konventionell arrangierte Sprechtheater die Drehbühne mit einem gewaltigen Fernrohr, einem zweistöckigen Häuschen, einem Zelt mit Pesttoten, einem Kirchturm samt Glocke sowie mit Videowänden vollgestellt. Das Ensemble brüllt stundenlang aus Leibeskräften und tut dies häufig in verborgenen Winkeln, aus denen die Sause per Live-Kamera übertragen wird.

          Man schaut in Nahaufnahmen tüchtigen, gut ernährten Stadttheater-Darstellern zu, wie sie keifen und zetern, schwitzen und schreien, toben und trampeln, einfach all das treiben, was sie als Gegenbild zur „bürgerlichen Unterhaltungskunst“ und als radikal fortschrittlich-zivilisationskritisch erachten. Der Pest, die Artaud gemeint hat („denn indem sie die Menschen dazu bringt, sich zu sehen, so wie sie sind, lässt sie die Maske fallen, deckt sie die Lüge, die Schwäche, die Niedrigkeit, die Heuchelei auf“), ist das in keiner Weise vergleichbar. Ebenso banal provokant gestattet sich Castorf ein paar unappetitliche Sequenzen mit frischem „Kacka“ in einem Blecheimer, das in gierige Mäuler gestopft, und mit eitrigen Pestbeulen, die aufgekratzt und aufgebissen werden. Das Publikum erträgt das stoisch – bis auf ein paar Leute, die nach der Pause wegbleiben.

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          Die Rolle des Galilei, der im Stück 46 Jahre alt ist, spielt Jürgen Holtz, der 1932 geboren wurde und mithin erheblich älter als seine Figur ist. Er spricht mit heller, deutlicher Greisenstimme und mit scharfem Verstand, dadurch wird die Geschichte immerhin ein bisschen plausibel. Für den Schluss hat ihm Castorf die originale Abrechnung des Wissenschaftlers mit seinem Leben und seinem Scheitern („Ich habe meinen Beruf verraten“) nicht gestrichen. Dank der tapferen Souffleuse Christine Schönfeld kriegt Holtz sie engagiert und emphatisch hin, wenngleich es zwischendrin aus dem Saal Gelächter wegen der unfreiwilligen Komik gab, als es allzu holprig wurde.

          Meist doziert Holtz im Sitzen, die anderen tun dies elastisch im Stehen oder in kurzen Schüben von Hyperaktivität. Gern treten – in mehreren Rollen – Jeanne Balibar oder Andreas Döhler an die Rampe, singen niedlich oder plappern, was das Zeug hält. Bettina Hoppe als Großherzog von Florenz liefert sich einen Ringkampf mit Rocco Mylord als Andrea, dem wissbegierigen Sohn von Galileos Haushälterin, die Stefanie Reinsperger als zupackende Malocherin folklorisiert. Aljoscha Stadelmann (schwer berlinernd) und Wolfgang Michael (schwer groggy) führen ein paar peinlich alberne Deppen-Einlagen vor. Irgendwie geht es natürlich trotz allem Leerlauf um die Freiheit des Geistes, das Ethos der Wissenschaft, die Macht der Kirche und den Nutzen der Dummheit. In Frank Castorfs so herz- wie lust- wie hirnloser Nummernrevue ist das allerdings ohne viel Bedeutung. Dafür dauert der fade Abend deprimierende sechs Stunden, was vielleicht vertraglich so vereinbart war: Regiedienst nach Vorschrift.

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