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Poulenc-Oper in Mainz : Frauen am Rande des Zusammenbruchs

  • -Aktualisiert am

Furchteinflößend: Vida Mikneviciute als Blanche in „Dialogues des Carmélites“ in Mainz. Bild: Andreas Etter

Die „Dialogues des Carmélites“ von Francis Poulenc wirken erschütternd dank der klaren Stellungnahme der Musik. Elisabeth Stöppler zeigt in Mainz, dass es auch ohne Nonnentracht geht.

          Mainz gilt nach wie vor als eine katholische Stadt. Steht auf römischen Fundamenten, hat einen romanischen Dom und einen einflussreichen Bischof, samt jauchzendem Rosenmontags-Pendant. Allerdings hat sich das urbane Leben, nicht zuletzt der Universität wegen, deutlich vitalisiert. Doppelgesichtig freilich war Mainz schon früher, quasi als Brückenkopf französischer Aufklärungsideen wie Revolutionsimpulse, auch von Berichten wie Gerüchten über jakobinischen Terror. Das Klerikale und das Radikale lagen hier nicht gar so weit aus einander.

          Von Mainz aus eröffnet sich also auch ein Blick auf Besonderheiten des französischen Katholizismus, der nicht nur weit weniger mit dem Staat verquickt war als in anderen Ländern, linke Tendenzen (etwa Arbeiterpriester) kannte, sondern überdies Kunstwerke hervorbrachte, die mit salbungsvoll glaubensgewisser Weihrauchfrömmelei nichts zu tun hatten. Schriftsteller wie François Mauriac, Paul Claudel und Georges Bernanos, der Maler Georges Rouault, der Filmemacher Robert Bresson und der Komponist Olivier Messiaen - dies sind nur einige der Franzosen, die für eine katholisch grundierte Ästhetik kühner Modernität stehen.

          Das bedeutendste katholisch inspirierte Werk des Musiktheaters ist sicherlich der „Saint François d’Assise“ von Messiaen, mit einer unvergleichlichen Mischung aus Stigmatisierungs-Schmerzens-Schreien und Vogelstimmen-Orgien. Vergessen sollte man daneben aber nicht eine weitere französisch-katholische Oper, komponiert von Francis Poulenc nach einem historisch verbürgten Stoff von Bernanos („Die Letzte am Schafott“). Poulencs „Dialogues des Carmélites“, uraufgeführt 1957, wurde jetzt am Mainzer Theater in einer bewegenden Lesart von der Regisseurin Elisabeth Stöppler neu inszeniert.

          Keineswegs frömmlerisch

          Denkbar immerhin ist es, dass auch dorthin anno 1794 die grausige Kunde von der Hinrichtung der sechzehn Karmeliterinnen aus einem Kloster in Compiègne gedrungen war. Nun ist Poulenc freilich ein zwiegesichtiger Komponist. In seinen Anfängen erteilte er Spätromantik, Expressionismus und Atonalität eine scharfe Absage, gab sich stattdessen in Nachfolge Erik Saties spöttisch-frivol, nonchalant-ironisch. Sein erstes „Mouvement perpétuel“ für Klavier prägte gar Alfred Hitchcocks „Cocktail für eine Leiche“.

          Noch vor dem Horror, der folgt: Blanche (Vida Mikneviciute).

          Im Jahr 1935 wurde Poulenc dann vom Saulus zum Paulus, aus dem mondänen wurde der moralische Poulenc, was auf direktem Wege zur den „Dialogues“ führte. Doch wie so oft ist auch hier der These von einer radikalen Kehrtwende zu misstrauen. Ähnlich wie beim politisch-meditativen Luigi Nono ist auch hier der Stilbruch weit weniger gravierend, als man meinen sollte. Die Musik Poulencs ist keineswegs frömmlerisch geworden in den „Dialogues“, sie bleibt in ihrer neoklassischen Diatonik, trotz expressiver Schärfen, hell und distinkt, beweglich.

          Opfer-Nonnen drängeln durch die Macho-Riege

          Zu dieser musikalischen Erkenntnis passt es, dass Stöpplers Mainzer Neuinszenierung, in einem Bühnenbild von Annika Haller, eben nicht auf den spektakulären Kontrast Nonne gegen Guillotine setzt, vielmehr den Disput enthistorisierend neu zuspitzt. Da schirmt weder das Hauben-Kloster die ewig händefaltenden Dulderinnen, noch dräut das Fallbeil. Man sieht junge Frauen am Rande des Zusammenbruchs. Nicht nur das Gehäuse ihrer Zuflucht, innen hell, außen Backstein, bricht zusammen, sondern eine Welt.

          Der Vater der jungen Blanche wird im Mercedes gefahren und ermordet, die Sansculotten treten auf als eine allenfalls paramilitärische Männerhorde. Dass sie Hilflosen Gewalt antun, blitzt auf, wird aber kaum ausgeführt: Es ist nur ein Revolutionstableau, in vielerlei Chaos-Gestalt. Statt in feierlichem Defilee aufzumarschieren, drängeln sich die Opfer-Nonnen durch die Macho-Riege. Am Schluss bleibt Blanche mit einer blutigen Puppe stehen: Brutalität der Täter, Verdrängung der Heilsuchenden in allgegenwärtiger Angst, beides ergänzt sich horrorhaft.

          Vielgestaltigkeit in der Homogenität

          Eine Schwierigkeit dieses Stückes besteht darin, dass musikalisch wie szenisch die Hermetik der Kollektivszenen ebenso deutlich werden sollte wie die Disparatheit der Einzelschicksale. Stöppler begegnet dem Problem mit Prägnanz. Sie geht Larmoyanz, auch falscher Gefühligkeit aus dem Wege, selbst die goldglänzende religiöse Gloriole fehlt. Und dank dem Fehlen jeglicher sakraler Kostümierung erzählt sich die Story nüchterner als gewohnt, zugleich erweist sie sich aber auch offener für kritische Perspektiven.

          Denn das Hohelied aufs Martyrium lässt immerhin auch nach dessen Sinn fragen, der bei Bernanos generell gar so eindeutig affirmativ nicht aufscheint. Mag die Angst vor dem Tod zwar „begnadet“ sein, so ist sie nicht von der individuellen Todesfurcht abzukoppeln; schließlich: Auch islamistische Selbstmordattentäter hoffen, durch gottgefälliges Auslöschen des eigenen Ichs (und möglichst vieler anderer) ewige Seligkeit zu gewinnen.

          Dass die Mainzer Aufführung solche Gedankengänge evoziert, spricht für die Dringlichkeit auch von Poulencs klarer Musik, die unter dem Dirigenten Hermann Bäumer mit dem Philharmonischen Staatsorchester orchestral höchst beredt werden durfte. Das Mainzer Sängerinnen-Ensemble beeindruckte durch Vielgestaltigkeit in der Homogenität. Zumal Vida Mikneviciute als blond-fragile Blanche war bewundernswert, im Changieren von zarter Zurückhaltung ebenso wie in der finalen Schmerzensfrau-Zerrüttung.

          Weitere Vorstellungen

          Dienstag, 21. Juni, 19.30 Uhr
          Sonntag, 10. Juli, 14 Uhr

           

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