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Innsbrucker Festwochen : Liebesträume auf dem Sterbebett

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Amor auf der Flucht: Giulia Bolcato als Verwirrung stiftender Liebesgott Bild: Innsbrucker Festwochen / Rupert Larl

Einfache Mittel, große Wirkung: Alessandra Premoli inszeniert Francesco Cavallis zweite Oper „Gli amori d’Apollo e Dafne“ als Phantasie der Palliativmedizin bei den Innsbrucker Festwochen der Alten Musik.

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          „Back to the Future“ könnte man es nennen, was die Innsbrucker Festwochen der Alten Musik derzeit vollziehen: Nach dem problematischen Ausflug ins neunzehnte Jahrhundert mit Giuseppe Saverio Mercadantes „Didone abbandonata“ kehrte das Festival nun an die Wiege der Oper zurück, ins Venedig des Seicento, wo Francesco Cavalli (1602 bis 1676) eine Hochblüte der sich gerade von den Fürstenhöfen emanzipierenden Oper bewirkte. Trotz dieses Schritts in die Musikhistorie erschließen die Innsbrucker Festwochen zugleich die Zukunft, denn Cavallis 1640 entstandene zweite Oper „Gli amori d’Apollo e Dafne“ wurde in die Hände eines blutjungen Ensembles gelegt, das die anspruchsvolle Aufgabe im stimmungsvollen Innenhof der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Innsbruck bravourös meisterte.

          Mit bewusst sparsamen Mitteln erzählt die Regisseurin Alessandra Premoli die vom Librettisten Giovanni Francesco Busenello aus den „Metamorphosen“ des Ovid entnommene Geschichte der unglücklichen Liebe des Phoebus Apoll zur Nymphe Daphne: Die Bühne ist komplett leer, sieht man von einem Vorhang unter einer der Arkaden einmal ab. Als dieser zur Seite gezogen wird, ist eines der wenigen Requisiten des Abends zu sehen, ein Krankenbett, auf dem eine junge Frau reglos ruht. Zahlreiche Kanülen und Schläuche signalisieren deren bedrohlichen Gesundheitszustand; da treten plötzlich drei Maskierte auf und kündigen Sonno, den Gott des Schlafes, an. Das Spiel kann beginnen: Als wirrer, poetischer Albtraum einer Sterbenden, die sich insgeheim noch einmal ein Liebesabenteuer erträumt. Dass es von Daphnes Verweigerung handelt, sich dem durch Amors Pfeile haltlos buhlenden Apoll hinzugeben, erhält durch dieses Setting noch einen weiteren bitteren Beigeschmack.

          Apoll umwirbt die Nymphe

          Dem Krankenhausszenario entsprechen auch die historisierenden und dennoch heutig wirkenden Kostüme, die Mariana Fracasso entwarf: Alle sind weiß, mit Ausnahme von Apolls schwarzem Jackett und Amors ebenso schwarzen Flügeln. Diese Blässe verleiht der Szene auch ohne opulentes Bühnenbild eine surreale Atmosphäre. Den Prinzipien von Jerzy Grotowskis „armem Theater“ folgend, konzentriert sich Premoli auf jede kleine Bewegung, jede feinste Regung der jungen Sängerinnen und Sänger, überwiegend Finalisten und Preisträger des alljährlichen Cesti-Gesangswettbewerbs der Innsbrucker Festwochen, die teilweise mehrere der rund zwanzig Rollen übernehmen.

          Als die Dunkelheit einsetzt, beginnen drei Spieler des Schattentheaters alTREtracce mit einfachen Mitteln dunkle Gesten auf Stoffbahnen oder Wände zu projizieren: Gespenstisch greift eine riesige Hand nach dem kleinen, flüchtenden Amor (Giulia Bolcato), während sich die wütende Venus (Isabelle Rejall) als drohende Riesengestalt hinter Apoll aufpflanzt, der die Göttin bei einem Schabernack entblößt hat. Anders als im griechischen Mythos ist Venus die treibende Kraft in diesem Traum: Sie befiehlt ihrem Sohn Amor, den verwirrenden Liebespfeil auf den Sonnengott zu schießen, der sich dann auf die vergebliche Jagd nach der keuschen Daphne macht.

          Der weiche Charme, mit dem der glänzende Countertenor Rodrigo Sosa dal Pozzo als Apoll die Nymphe umwirbt, zerstreut jede Assoziation mit der heutigen „MeToo“-Debatte. So galant kann nur ein Gott sein im Kontrast zu den lüsternen Männern, die sich dünken wie Götter. Sara-Maria Saalmann als ebenso attraktiv aussehende wie geschmeidig singende Daphne gelingt es wiederum, die heiklen Übergänge vom Liebestraum zur Krankenhauswirklichkeit gekonnt zu vermitteln: Immer wieder taumelt sie auf das stets von neuem auftauchende Bett, um das verwirrende Geschehen zu beobachten.

          Schatten der Daphne

          Der Librettist Busenello hatte nämlich nicht nur die Episode von Apoll und Dafne für Cavallis Oper bearbeitet, sondern führte zwei weitere Paare aus den „Metamorphosen“ ein: Aurora (Eléonore Pancrazi) und Titone, den seine Frau aufgrund seiner Senilität mit Cefalo betrügt, was wiederum dessen Ehefrau Procri beklagt. Dass der gut fokussierte, hell timbrierte Tenor Juho Punkeri sowohl Titone als auch Cefalo singt, ist dabei durchaus pikant.

          Das Lamento der Procri, die Deborah Cachet mit tiefen Emotionen auflädt, zählt auch zu den musikalischen Höhepunkten von Cavallis Oper. Indem er den Refrain „Lassa, io m’inganno“ wiederholen lässt, näherte sich der venezianische Komponist bereits der Da-capo-Arie, was auch das finale Lamento des Apoll, als Daphne in einen Lorbeerbaum verwandelt wird, unterstreicht. Der Bezug zu Monteverdi ist zwar evident, doch entwickelte Cavalli eine sehr eigenständige Musiksprache, was auch an der Instrumentierung hörbar ist. Die Besetzung fiel, entsprechend der geringen finanziellen Ausstattung der veranstaltenden venezianischen Akademien, eher klein aus: Zu einer einfachen Streicherbesetzung mit zusätzlicher Gambe gesellen sich eine Harfe, je zwei Cembali, Theorben und Zinke, die der Musik freilich ein sehr spezifisches Kolorit verleihen. Zumal dann, wenn sie so virtuos geblasen werden wie von den Musikern der seidenweich tönenden Accademia La Chimera, die Massimiliano Toni instinktsicher durch die Partitur führt. Da werden sich die Profis von Le Musiche Nove unter Claudio Osele am kommenden Wochenende anstrengen müssen, um in der halbszenischen Aufführung von Johann Adolf Hasses „Semele“ an den Elan dieses jungen Ensembles heranzukommen.

          Als am Ende zu Apolls anrührender Klage Lorbeerzweige am vorderen Bühnenrand plaziert werden und die drei Maskierten mit einfachen Leuchtmitteln darauf strahlen, um die Rückwand des Hofs in den Schattenriss eines Baums zu verwandeln, da wird es trotz der Hitze schlagartig kalt: Nur noch als Schatten ist Daphne präsent, sich selbst im Sterbebett beobachtend. Blackout.

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