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Oper „Francesca da Rimini“ : Es kann ja auch mal die Frau dem Mann eine Rose schenken

  • -Aktualisiert am

Wein, Blut und Blumen: Ivan Inverardi, Jonathan Tetelman und Sara Jakubiak (von links nach rechts) beugen sich über Charles Workman. Bild: Monika Rittershaus

Voll ausgelebte Emanzipation: Christof Loy inszeniert Riccardo Zandonais Rarität „Francesca da Rimini“, frei nach Dante, an der Deutschen Oper Berlin.

          3 Min.

          Überreich auf dem Boden verteilte Blumen, im Fond hinter der Rosenmuster-Tapete das Goldlicht einer Claude-Lorrain-Idylle, ein geschäftig-geschwätziger Mädchenschwarm in züchtig verlockender Internatskluft: Man würde ganz gern anlanden in dieser kitschnah schönheitstrunkenen, von Johannes Leiacker (Bühne) und Klaus Bruns (Kostüme) gebauten Szenerie. Doch die dort umgehen, haben nichts davon. Für die Frauen ist es ein goldener Käfig, für die Männer ein Ort verquälter Süchte, wo auch feinste Tisch-Arrangements und zierliche Hausmusik keine Erholung vom Töten mit Armbrust oder Langaxt verheißen. Bald fließt erstes Blut: das eines fahrenden Sängers, der zur falschen Zeit am Ort ist, weil gerade ein übler Menschenhandel in Gang gesetzt wird – die Verkuppelung der schönen Francesca mit dem missgestalteten Giovanni, für den dessen Bruder Paolo als Fake-Bräutigam herhalten muss.

          Dass sich die beiden dabei sofort abgründig ineinander verlieben, treibt jene Tragödie hervor, die Dante so mitfühlend besungen hat. In der per Stream abrufbaren Inszenierung der Deutschen Oper Berlin erscheint der Dichter freilich in doppelter Filterung: Erst hat Gabriele d’Annunzio die Geschichte zu einem wollüstig schwelgenden Fin-de-Siècle-Drama aufgebläht, dann Riccardo Zandonai daraus eine Oper exaltiert heißlaufender, oft am Kipppunkt balancierender Klänge zusammengefügt. Carlo Rizzi am Pult hatte eine Weile zu tun, um den doppelten Überdruck aus der Partitur und der langen, erzwungenen Spielpause für das Orchester zu kanalisieren – aber dann kam Zandonais Musik, irgendwo auf der Strecke zwischen „Elektra“ und „Turandot“ verortbar, neben überrollender Wucht auch mit zunehmender Feinheit zum Tragen.

          Erotische Grenzgänge 

          Regisseur Christof Loy hat das Nervengeflecht ihrer Anspielungen von der Renaissance-Madrigalistik über Wagner bis zu Debussy mit großer Wachheit aufgenommen und in eine Bildwelt integriert, die ihrerseits von Botticelli bis Makart reicht. Sein vielleicht schönster Einfall ist die Rosenüberreichung bei der ersten Begegnung des Liebespaares – analog zu Strauss’ drei Jahre älterem „Rosenkavalier“, aber in umgekehrter Richtung: Hier ist es Francesca, die dem als Lockvogel vorgeschobenen Paolo die Blume darbietet.

          Szene aus der Oper „Francesca da Rimini“, Regie: Christof Loy, Streamingpremiere am 14. März 2021, Deutsche Oper Berlin
          Szene aus der Oper „Francesca da Rimini“, Regie: Christof Loy, Streamingpremiere am 14. März 2021, Deutsche Oper Berlin : Bild: Monika Rittershaus

          Eine Geste intensiver Zärtlichkeit, die alles Weitere im Untergangsspiel grausamer Neurosen und neurotischer Grausamkeiten definiert; die Frau ist es, die nach diesem ersten auch alle weiteren Tabus bricht, auf dem Weg ins Unerreichbare. Ihre Liebe kann so vulkanisch-hysterisch wie traumwandelnd sein und auch in reifer, illusionsloser Bewusstheit mit der vollen Palette weiblicher Machtmittel spielen, was erotische Grenzgänge sowohl mit ihrem Ehemann wie Malatestino, dem hinterhältig-perversen dritten Bruder, einschließt – eine rücksichtslose, bis zur Selbstvernichtung ausgelebte Emanzipationsgeschichte.

          Buntlachende Blumen und Folterschreie

          Sara Jakubiak spielt das, enorm präsent, zum Zerreißen angespannt, großartig und singt dazu, auch konditionell bewundernswert, unter gleichsam wütender, noch im Liebesrausch aggressiver Hochspannung. Der reine Wohllaut ist zwar eher auf der Seite von Jonathan Tetelmans Paolo – auch optisch wie aus der Männerfraktion des Pirelli-Kalenders geliehen; doch an Differenziertheit kann sein edler Leidensglanz schon nach dem Willen des Komponisten nicht mit der Partnerin mithalten.

          Ähnlich scherenschnittartig, dennoch nicht ohne Eindruckskraft die beiden anderen Brüder: Charles Workman in der Rolle des Fieslings Malatestino drahtiger und fahler, aber kaum weniger durchschlagend als Tetelman, Ivan Inverardi als etwas outrierender, dennoch überzeugend cholerisch-verzweifelter Ehemann mit profundem Bariton – allesamt Opfer grausamer, auf unbedingte Vernichtung abzielender Konventionen, unterschieden freilich im Grad ihrer Selbst- und Menschenverachtung. Dazu viele prägnante Kleinrollen lieblicher Gespielinnen und kalt-brutaler Machos sowie reichlich Elend zwischen buntlachenden Blumen und Folterschreien: War auch keine schöne Zeit damals.

          Die jetzige indessen, die mit der Pandemie ihre eigenen Probleme hat, spielt ersichtlich auch mit. So in der Verkleinerung der Spielfläche mittels einer portaldurchbrochenen Zwischenwand, was unter anderem die erzwungene Abwesenheit des zugespielten Chores weniger spürbar macht. Dass sich viele der handlungsentscheidenden Vorgänge, so die ersehnte körperliche Vereinigung wie die Ermordung der Liebenden, im hinteren der beiden Raumsegmente abspielen, kann man diskret, aber für eine Vorstellung mit Publikum nicht besonders praktikabel finden.

          Im Stream freilich lässt sich das per Zoom überbrücken, was bei zärtlichen Begegnungen mehr Ergriffenheit bereitet als in den gelegentlich über Gebühr ausgestellten Bühnenblut-Orgien. Insgesamt ist die Bildführung respektabel, wenn auch nicht berauschend originell – nur den zum Verzweifeln peinlichen Pausen-Clip hätte man sich sparen können und sollen; aber irgendwann muss man ja im Heim-Opernkino ohnehin Getränke holen oder entsorgen.

          Vom 18.3. an bei Takt 1 gebührenpflichtig; am 27.3. ab 19.05 Uhr im Deutschlandradio Kultur.

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