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Fragen Sie Eleonore Büning : Sind Vögel musikalisch?

  • -Aktualisiert am

Der Stieglitz galt lange als Sinnbild für die Passion Christi und hat mitkomponiert an Antonio Vivaldis Konzert op.10 Nr.3. Bild: Picture-Alliance

Mehr als bloßes Zwitschern: Viele Vögel singen nicht einfach Tonfolgen herunter, sondern spielen mit komplexen Arrangements und aufgeschnappten Motiven. Das ist auch Mozart und Wagner nicht entgangen.

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          Manche mehr, andere weniger. Die Gottesgabe der Musikalität wurde auch in dieser Spezies nicht gerecht an alle gleichermaßen verteilt. Die Elster, zum Beispiel, ist ein echter Schreihals, die Amsel dagegen eine musikalische Hochbegabung. Amselmännchen flöten in der Brunft- und Brutzeit rhythmusgenau und intonationssicher so ziemlich alles nach, was ihnen zu Ohren kommt. Sie können aufgeschnappte Melodien in andere Tonlagen transponieren, sie ausbauen und verbessern, Variationen erfinden und diese umformatieren in individuell strukturierte Eigenkompositionen. Ihre Motivbildung entwickelt sich, wie die der Menschen, aus der Zwei- beziehungsweise Dreitönigkeit. Dur wird bevorzugt, Zwölftönigkeit ist möglich. Jeder Amselmann sucht andere Amselmänner zu übertrumpfen. Zurzeit findet dieser Song-Contest an jedem Morgen statt, beginnend etwa vierzig Minuten vor Sonnenaufgang, in Großstädten etwas früher und etwas lauter als auf dem Lande. Nach wie vor behaupten die Ornithologen, dies geschehe einzig, um der jeweiligen Amselgattin zu imponieren. Machen Sie einfach mal gegen halb sechs Uhr früh Ihr Fenster auf. Ich denke, Sie werden ebenfalls Freude haben. Distelfink und Kohlmeise fangen erst etwas später an als die Amsel. Das Rotkehlchen, falls eines in Ihrem Garten oder Hinterhof wohnt, schon etwa zwanzig Minuten eher. Die Letzten sind die Spatzen.

          Rund um Ostern herum feiern wir die hohe Zeit des Vogelkonzerts. Alle Vögel, auch die 5700 bekannten Arten der Singvögel, stammen evolutionsbiologisch von den Dinosauriern ab. Alle Singvogelküken lernen die Gesänge ihrer Art von den Eltern, so, wie ihnen der Schnabel halt gewachsen ist. Alle benutzen dazu vier kleine Membranen im unteren Kehlkopf sowie den ganzen Körper als Resonanzboden, was den physischen Anforderungen eines Profitänzers oder Hochleistungssports entspricht. Als Singvögel klassifiziert sind auch Rabenvögel (Elstern et cetera), ausgeschlossen dagegen Papageien (Psittaciformes) und Hühnervögel (Galliformes), obgleich doch das Huhn recht angenehm im kehligen Altregister trillert und zumal unter Papageien nicht nur geniale Nachahmungs-, sondern auch etliche Tonkünstler zu finden sind. Das erscheint paradox. Doch spielt Musikalität in der Ornithologie keine große Rolle, die Feldforscher arbeiten hier mit anderen Kriterien.

          Von James Bond, dem Verfasser des Standardwerks „Birds of the West Indies“ (1936), weiß man, dass er jeden Vogel, den er studierte und registrierte, mindestens einmal auch verzehrt hat. Bond kam viel herum in der Karibik, diverse Vogelarten wurden nach ihm benannt, auch Ian Fleming, persönlich bekannt mit Bond, hat sich dessen Namen ausgeliehen, weshalb, zur Erinnerung an den Ur-Bond, sich Pierce Brosnan bei seiner Ankunft in Kuba in „Die Another Day“ (2002) als Ornithologe ausgab. Er wurde schnell enttarnt.

          Umgekehrt, unter Musikern, hat die rätselhafte Musikalität der Vögel zu allen Zeiten eine überragende Rolle gespielt. Rätselhaft daran ist letzten Endes, dass es bisher noch nicht gelang, zu erklären, warum die Vögel morgens und abends singen. Und: Warum singen sie weiter, auch wenn ihre Brut längst ausgeflogen ist? „Der Gesang der Amsel übertrifft an Phantasie die menschliche Einbildungskraft“, sagte Olivier Messiaen, der sein Lebenswerk auf die Transkription von Vogelstimmen gründete. Die kleinen Vögel singen, weil sie singen: l’art pour l’art. Nicht nur Messiaen fasste diesen Gesang auf als reines Gotteslob, als einen Triumph der Schöpfung über die Unzulänglichkeit einer humanen Musik, die „dem Verzweifelten kein Vertrauen mehr einflößen“ könne. Auch in den Werken von Beethoven, Mozart, Haydn ist der Gesang der Vögel allemal grenzüberschreitend und mehr als nur ein tonmalerischer Naturlaut. Auch in Wagners „Ring“. Die Kohlmeise erhebt ihre zarte Stimme in Bruckners Vierter. Der Stieglitz, auch genannt Distelfink (il cardellino), hat mitkomponiert an Antonio Vivaldis Konzert op.10 Nr.3. Er fliegt schon früh ein als ikonographischer Begleiter der Madonnenbilder, Sinnbild für die Passion Christi.

          Der Distelfink mit der roten Maske, Vogel des Herrn, Dornenvogel, wohnt heute bevorzugt in Hochhaus- und Plattenbausiedlungen. Er ist ein Vegetarier und ein Vorreiter der Gleichberechtigung. Denn nicht nur die Distelfinkenmänner können singen, mehrere Strophen, variiert und verziert mit Trillern und Ornamenten. Auch die Distelfinkenweibchen. Und: Wer dem Distelfinken lauscht, dem bietet er Schutz vor der Pest.

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