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Fragen Sie Eleonore Büning : Kann Musik krank machen – und wenn ja, welche?

Bild: F.A.Z.

Schlechte oder zu viel Musik gehört zum probaten Instrumentarium akustischer Kriegsführung – spätestens seit dem dreizehnten Jahrhundert vor Christus. Und auch die Liste der Musikerkrankheiten ist endlos.

          Ja. Und wie. Die Statistik spricht diesbezüglich eine klare Sprache. Siebzig oder auch achtzig Prozent der Berufsmusiker leiden an berufsbedingten Krankheiten. Acht bis zehn Prozent der Orchestermusiker in deutschen Profiorchestern sind chronisch krankgeschrieben. Jeder zweite oder auch jeder sechste Musiker muss seinen Beruf aus gesundheitlichen Gründen vorzeitig an den Nagel hängen. Und wäre es nur jeder achte: Das ist immer noch ein Drittel mehr als durchschnittlich in nichtmusikalischen Berufsgruppen.

          Eleonore Büning

          Redakteurin im Feuilleton.

          Die Liste der Musikerkrankheiten ist endlos, die Behandlung oft erfolglos. Etwa im Fall der fokalen Dystonie: Diese unter Musikern meistverbreitete neurologische Störung, auch bekannt als „Musikerkrampf“ oder „Musikerlähmung“, wird gefürchtet von Pianisten, Geigern, Bratschern und Cellisten, kann aber auch Blech- und Holzbläser befallen. Sängerinnen und Sänger werden von Stimmlippenknötchen aus der Karriere katapultiert. Cellospieler können sich eine Daumensattelgelenkarthrose zuziehen. Hornisten oder Tubisten erkranken an chronischer Herpes, oder sie haben Zahnprobleme. Erhöhter Augeninnendruck begünstigt bei Oboisten und Fagottisten die Entstehung von grünem Star. Die Durchschnittsneigung des Kopfes bei einem Harfenisten beträgt etwa zwanzig Grad, die der Harfenistenhalswirbelsäule sieben Grad, beides führt bei durchschnittlichem Übungspensum zu einem Bandscheibenschaden.

          Ganz abgesehen davon, dass die auf dem Konzertpodium gemessenen Phonstärken chronischen Bluthochdruck erzeugen, Tinnitus, Schlaganfälle, Herzinfarkte und Sprachstörungen begünstigen und die Hörnerven schädigen. Letzteres gehört zum Berufsrisiko auch der von klassischen Musikerkrankheiten eher verschont bleibenden, weil mikrofonierten Musiker aus dem Unterhaltungsmusiksektor. Und auch das Musikhören macht krank. Betrifft nicht nur Metalfans, nicht nur Musikkritiker.

          Spätestens seit der (angeblichen) Eroberung Jerichos im dreizehnten Jahrhundert vor Christus durch sieben scheußlich trötende Schofaren gehört schlechte oder zu viel Musik zum probaten Instrumentarium akustischer Kriegsführung. Vor zehn Jahren veröffentlichte die britische Menschenrechtsorganisation Reprieve eine Liste der Musiken, mit denen die Gefangenen in Guantánamo in einer Folterkammer namens „Disco“ mürbe gemacht wurden fürs nächste Verhör. Es sind herrliche Stücke darunter, echte Meisterwerke wie „Enter Sandman“ oder auch erfolgreiche Ohrwürmer wie die Titelmelodie aus „Sesamstraße“. Was beweist: Weder Rhythmus noch Melodie noch Harmonie oder Klangfarbe, nicht einmal die Dynamik macht den Menschen krank. In den Wahnsinn treibt einzig die Wiederholung. Ein Wassertropfen täte es auch.

          Paradoxerweise schlägt aber gerade in der Wiederholung das Herz der Musiksprache des Abendlandes. Der Kanon klassischer Musik, die wiederholt in Endlosschleife die Playlists der Radiosender füllt und das Rückgrat der Konzertprogramme bildet, ist tonikagrundiert. Die Zuverlässigkeit der Kadenzformeln beruhigt. Heimkehr und Auflösung im Grundton, die Wiederbegegnung mit bereits Gehörtem und die Varianz von bereits Bekanntem schaffen Ordnung im musikalischen Kontinuum und sorgen für das Behagen, ja, Behaglichkeiten beim Hören. Auch dazu gibt es etliche statistische Erhebungen, gewonnen in Kuhställen oder Schlaflaboren. Dass andererseits das Unerhörte, Unordentliche des Teufels sein müsse, ist und bleibt das ewige Argument der Unmusikalischen.

          Bereits die Kirchenväter beim Konzil von Trient vertraten diese Auffassung, sie plädierten für Einstimmigkeit. Spätere Generationen wurden nervös bei einer unaufgelösten Dissonanz. Vom Kapellmeister Kreisler, den man für wahnsinnig hielt, heißt es, dass er sich mit einer übermäßigen Quinte erdolchen wollte. Und der Arzt, der Robert Schumann in dessen letzten Lebensmonaten in der Endenicher Heilanstalt betreute, Doktor Franz Richarz, hielt gewissenhaft in seinem Krankenbericht fest, dass das Komponieren seinem Patienten offenbar nicht bekommen sei: „Geistige Überanstrengung, übermässige psychische Thätigkeit im Allgemeinen, geistige Ausschweifung, möchte ich sagen: eine Gefahr, welcher das künstlerische, namentlich das musikalische Schaffen sehr leicht ausgesetzt ist.“

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