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Bamberger Symphoniker in China : Der Klang der Freiheit

Versunken in Beethoven: ein Gast bei der China-Tournee der Bamberger Symphoniker 2019 Bild: Andreas Herzau / Bamberger Symphoniker

Der Fotograf Andreas Herzau hat aus der China-Reise der Bamberger Symphoniker ein Buch gemacht. Die Bilder zeigen echte Begeisterung, die Kommentare die ganze Widersprüchlichkeit des sogenannten Kulturaustauschs mit diesem Land.

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          Was ist China für uns, was wird es künftig sein? Systemischer Gegner, wie die Vereinigten Staaten es kürzlich auf dem G-7-Gipfel am liebsten festgeschrieben hätten? Oder doch nur Herausforderung und Chance, wie es die Europäische Union zaudernd auszudrücken pflegt? Vor mehr als dreihundert Jahren schwärmte Gottfred Wilhelm Leibniz von der hohen Kultur der Chinesen und ihrem bewundernswerten Kenntnisstand in der Mathematik wie in der praktischen Philosophie, die auf inneren Frieden und gesellschaftliche Harmonie gerichtet sei: „Wenn das so weitergeht, fürchte ich, dass wir bald auf jedem anerkennenswerten Gebiet den Chinesen unterlegen sein werden“, schrieb er 1697. Und er setzte, über Europa besorgt, nach: „Jedenfalls scheint mir die Lage unserer hiesigen Verhältnisse angesichts des ins Unermessliche wachsenden moralischen Verfalls so zu sein, dass es beinahe notwendig erscheint, dass man Missionare der Chinesen zu uns schickt.“

          Jan Brachmann
          Redakteur im Feuilleton.

          Wer als Europas Delegierter einmal in offizieller Mission dem Präsidenten des National Centre for the Performing Arts in Peking zuhören musste, kann berichten, wie gut die Chinesen heute das Lied von der Dekadenz der europäischen Musikkultur zu singen verstehen, der sie dann die Vorzüge der chinesischen entgegenhalten. Aber europäische Orchester sind viele Jahrzehnte lang beliebte Gäste in China gewesen. Die Bamberger Symphoniker bereisten das Land 1982 zum ersten Mal, vier Jahre nach Amtsantritt von Deng Xiaoping als Führer der Kommunistischen Partei.

          Leibniz’ Text „Das Neueste von China“ findet sich im „Bamberg Diary“, Teil zwei: „In China“. Das Büchlein versammelt Bilder des Fotografen Andreas Herzau von der letzten, bislang siebten China-Tournee der Bamberger Symphoniker unter deren Chefdirigenten Jakub Hrůša im Herbst 2019 (Nimbus Verlag, Wädenswil 2021). Auf Herzaus Bildern sieht man nicht nur Momente der Konzentration, der einsamen Verlorenheit, des Glücks und der Entspannung bei den Musikern, sondern ebenso bei den chinesischen Hörern in Peking, Schanghai oder Dalian.

          Der moralischen Integrität des Menschen förderlich

          Was treibt diese Menschen in Konzerte mit europäischer Kunstmusik? Sind Konzertkarten ein Statussymbol wie teure Uhren oder ein Tesla-Auto? „Viel Geld unterwegs“, notiert Holger Noltze, der das Orchester begleitete, in sein Tagebuch. Ist es moralische Stärkung beim Hören der „Coriolan“-Ouvertüre von Ludwig van Beethoven? Schließlich gilt Beethoven in China – so erzählt es Jiatong Wu im Gespräch mit Noltze und dem Orchesterintendanten Marcus Axt – als Vorbild. Als Vorbild freilich nicht für Demokratie-Emphase, Freiheitsstreben und Menschenrechtseuphorie, wie er im Westen vermarktet wird, sondern als Vorbild für die persönliche Tapferkeit, Schicksalsschläge zu ertragen und Kreativität zugunsten des Allgemeinwohls freizusetzen.

          Man kann etwas lernen aus diesem schmalen Buch, das in den Bildern echte Begeisterung einfängt, in den Kommentaren aber auch die ganze Widersprüchlichkeit des sogenannten Kulturaustauschs mit China zur Sprache bringt. Natürlich begibt sich ein Orchester auf Gratwanderung, wenn es als verabredete Zugabe ein zum Volkslied gewordenes Stück Propaganda zum Lob Mao Tse-tungs spielt. Angeblich eine Geste freundlicher Erwiderung von Gastfreundschaft. Aber wann schlägt dieses Entgegenkommen in Selbsterniedrigung um? Das Sinfonieorchester des WDR, so erfahren wir, hatte „Ein deutsches Requiem“ von Johannes Brahms auf seiner Tournee durch die neunte Symphonie von Beethoven ersetzen müssen, weil christliche Kunst in China nicht erwünscht sei. Alle Verträge mit ausländischen Orchestern enthalten politische und religiöse Neutralitätsklauseln.

          Konfuzius habe, so schreibt Xeuwu Gu, die Musik als „tugendhaft“ angesehen. Sie sei der moralischen Integrität des Menschen förderlich und diene dessen innerer Kultivierung. Das klingt wie aus einem Brevier neu-humanistischer Bildungsreligion der deutschen Goethe-Zeit. Deren Strahlkraft verblasst in Europa gerade. Ein neuer Kulturbegriff setzt die Orchester hierzulande unter Druck. Man kann es ihnen nicht verdenken, dass sie ihre Zukunft in China sehen, auch wenn ein Land, das seine Schüler mit Mikrochips in Turntrikots und Kameras in Schreibtischlampen permanent überwacht, von Bildung als Verwirklichung geistig-seelischer Freiheit des Individuums nichts wissen will. Aber was, wenn im ungestörten Akt des Hörens manch ein Chinese genau dieses Geschenk der Freiheit empfängt?

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