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Forsythe-Ballett : Stark bewölkt, Tiefausläufer, Sturmböen

  • -Aktualisiert am

Weltberühmt: Der Choreograph William Forsythe Bild: dpa

Trotz Gewitter-Tänzen zu musikalischen Donnerschlägen oder gar unwetterbedingter Verkrümmungen - Aufheiterung ist möglich: William Forsythe beginnt seine zweite Frankfurter Ära mit einem bewegten Wetterbericht.

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          Hellerau muß warten. Das Festspielhaus bei Dresden, zweite attraktive Spielstätte der „Forsythe Company“, jener aus kulturpolitischer Unfähigkeit und Geldnot der Stadt Frankfurt geborenen Tanz-GmbH des amerikanischen Choreographen, wird erst in gut einem Jahr voll bespielbar sein. So war jetzt das Bockenheimer Depot in Frankfurt alleiniger Schauplatz des ersten Auftritts von William Forsythes achzehn Tänzerinnen und Tänzer umfassenden Ensemble bei der Uraufführung von „Three Atmospheric Studies“.

          Es war zugleich die erste Zusammenarbeit William Forsythes mit dem New Yorker Lichtinstallateur Spencer Finch, der lange schon angekündigt hatte, eine „Skulptur“ für ein neues Stück Forsythes schaffen zu wollen.

          Einfalltor zum Hype

          Skupltur kann in Finchs Terminologie freilich nur heißen, die Dimensionen des Raumes durch Lichteinfall zu verwandeln, das Bewegungsspiel der Körper durch Schatteneffekte zu transformieren oder auch die Zuschauer und Ausführenden mit einer Stimmung zu konfrontieren, wie er sie aus Bildern von Turner und Cranach, der experimentellen Optik von Isaac Newton oder durch eigene Imagination und Anschauung kennt - etwa in den Schatten, die vorüberziehende Wolken hinter dem Haus der amerikanischen Dichterin Emily Dickinson in Amherst, Massachusetts, werfen; eine gewiß aparte Vorstellung für das Frankfurter Publikum im funktional-nüchternen Bockenheimer Depot.

          „Skultptur” - Die Dimensionen des Raumes durch Lichteinfall verwandeln

          Allein, der Beitrag solcher Lichteinfälle von Spencer Finch zu den Bewegungskonstellationen William Forsythes wirkte ähnlich kryptisch wie manches in den Werken der Lyrikerin Dickinson, die nicht ohne Bedacht in einem ihrer späten Gedichte behauptet hatte, das Rätsel, das wir lösen könnten, verachteten wir schnell. Daß Rätselhaftigkeit zugleich das Einfalltor zum Hype darstellt, wird ihr wohl bewußt gewesen sein.

          Bezug zu Wolkenbildungen

          Man kann nur hoffen, daß die geplante weitere Zusammenarbeit zwischen Forsythe und Finch tatsächlich die Phänomenologie des Lichts vorantreiben wird. In den jetzt uraufgeführten drei atmosphärischen Studien blieb der Beitrag des Lichtdesigns für die Choreographie marginal, wenn man einmal davon absieht, daß in kurzen Abständen verdämmerndes Licht immer auch strukturierend wirkt.

          Forsythe hat im übrigen - und das mag die Affinität der beiden Künstler zueinander beeinflußt haben - schon in seiner Choreographie „Hypothetical Stream“ von 1997, die er fünf Jahre später erneuerte, Wolkengebilde mit schwebenden Engeln in einem Gemälde von Tiepolo zum Ausgangspunkt für Bewegungsströme genommen. In den „Three Atmospheric Studies“, die eigentlich nur zwei, jeweils etwa fünfundvierzig Minuten dauernde Studien sind, nimmt lediglich die zweite Bezug zu Wolkenbildungen.

          Versponnene Zweisamkeit

          Der erste Teil des Abends wirkt wie eine Ansammlung von Skizzen zum Thema „absolute Bewegung“ im leeren rechteckigen, sich nach hinten leicht verjüngenden, nach vorne offenen Raum, den Finchs Neon eher kalt erleuchtet. Mit dem Epitheton „absolut“ sei hier gemeint, daß die Konfigurationen im Raum, die Bewegungsabläufe von solipsistisch oder in kleinen Gruppen agierenden Tänzern eine ästhetische Qualität aus sich heraus entwickeln, ohne daß die meist statischen, sich ohne funktionsharmonische Konsequenzen ausbreitenden Streicher-, respektive Synthesizer-Klangbänder von David Morrow oder die an die Hinterwand projizierten Sprüche - „Resembling Dawn“, „His Last Afternoon As Hinself“, „A Very Clear Day Inside“ - irgendeine erkennbare Wirkung auf die Ausführung der Tänzer hätten.

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