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Historischer Abend an der Met : Feuer in meinen Knochen

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Will Liverman, Chris Kenney und Walter Russell III in der umjubelten Inszenierung von „Fire Shut Up In My Bones“ Bild: AP

Allgegenwärtig sind die Effekte des strukturellen Rassismus: An einem historischen Abend wird in der Metropolitan Opera zum ersten Mal das Stück eines schwarzen Komponisten aufgeführt.

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          Als fast dreitausend Menschen die amerikanische Nationalhymne anstimmen, ist für einen kurzen Moment alles wie immer. Das „Star Spangled Banner“ erklingt traditionell, wenn in der New Yorker Metropolitan Opera die neue Saison eröffnet wird. Heute allerdings kennt der darauf folgende Jubel kein Halten, Besucher trampeln mit den Füßen – nach achtzehn Monaten ist endlich der Tag der Wiedereröffnung des Opernhauses gekommen. Zuvor gab es Champagner im Foyer, das Sehen und Gesehenwerden, widerwillig oder willig mit Maske zum Abendkleid, manche halfen sich mit Glitzersteinen oder Samt für den Mund-und-Nasen-Schutz.

          Nicht nur aufgrund der Wiedereröffnung aber ist dies ein besonderer Abend: Die Metropolitan Opera bringt zum ersten Mal in ihrer Geschichte das Stück eines afroamerikanischen Komponisten auf die Bühne. Der Jazztrompeter Terence Blanchard, der sich mit Filmmusik unter anderem für Spike Lee einen Namen machte, hat auf der Grundlage der Memoiren des schwarzen Journalisten Charles Blow eine Oper geschrieben. Mit Camille A. Brown führt auch zum ersten Mal eine schwarze Frau Regie in der Met.

          Die Einsamkeit als imaginäre Freundin

          Mit dem jugendlichen Helden von „Fire Shut Up In My Bones“ ist Identifikation leicht möglich. Erzählt wird eine Geschichte, die in einer schwarzen Welt spielt, die Themen aber sind universell, es geht wie so oft in der Oper um Liebe, Trauer, Wut. Konfrontation mit individuellem Rassismus findet nicht statt, und Weiße kommen so gut wie nicht vor, da sie auch in der segregierten Welt des Kindes und Jugendlichen Charles nicht eigentlich vorkommen. Allgegenwärtig sind indessen die Effekte des strukturellen Rassismus im Louisiana der siebziger und achtziger Jahre, die klaustrophobisch anmutenden Einschränkungen der Möglichkeiten.

          Will Liverman (auf der Treppe) und weitere Mitglieder des Ensembles proben eine Szene aus „Fire Shut Up in My Bones“.
          Will Liverman (auf der Treppe) und weitere Mitglieder des Ensembles proben eine Szene aus „Fire Shut Up in My Bones“. : Bild: dpa

          Die Mutter arbeitet in einer Hähnchenfleischfabrik, um ihre fünf Söhne durchzubringen. Der Vater, die Brüder und Freunde flüchten sich in eindimensionale Männlichkeitsvorstellungen, und die Kirche spielt angesichts der eigenen gesellschaftlichen Ohnmacht eine große Rolle im Leben der Protagonisten. Charles Blow in seiner Autobiographie und Blanchard auf der Bühne zeigen eine kleine und rigide Welt, in der Charles, dargestellt von Will Liverman, aufwächst. Der Süden, singt der Chor ein ums andere Mal, das sei kein Ort „for a boy of peculiar grace“ – für einen Jungen von spezieller Grazie.

          Wo bleibt Gott im wahren Leben?

          Die Einsamkeit, die er fühlt, folgt ihm in der Oper als imaginäre Freundin – alle mögen ihn verlassen, aber sie wird immer da sein für ihn, versichert sie. Das große Trauma seiner Geschichte ist der Missbrauch durch einen Cousin im Alter von sieben Jahren. Charles fühlt sich „anders“ als seine Freunde und Brüder, die ihm deutlich machen, dass er in Sachen Frauen nicht mitreden könne: Liebe, singen sie, gehe simpel und ohne Diskussion, „denn wir sind Männer“.

          Blanchard lässt einen Gospelchor vor einem illuminierten Kreuz auftreten, der eine mitreißende Performance abliefert, dessen Botschaft für den verunsicherten Charles aber nur lautet: „Wir waschen dich rein.“ Damit ist er so klug wie zuvor, geplagt von den tanzenden Geistern seiner unruhigen Nächte, bis er schließlich im Wald Gott herausfordert – der soll sich ihm doch bitte im wahren Leben zeigen statt in der Kirche.

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