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„Figaros Hochzeit“ in Potsdam : Susanna küsst nicht ohne Neigung

Ergreifend : Susanne Ellen Kirschesch als Susanna und Gulio Mastrototaro als Figaro in Potsdam Bild: HL Böhme

Geburt des Theaters aus der Musik: Andreas Dresens eindringliche Inszenierung von „Le nozze di Figaro“ im Potsdamer Schlosstheater.

          3 Min.

          Da steht der Junge nun und singt: Eiskalt sei ihm und dann gleich wieder heiß. Und manchmal fange er an zu zittern, bis zur völligen Erschöpfung. Aber das alles sei so schön, so unsäglich schön, dass er nun fragen müsse, was das sei. Liebe? „Ihr, die es wisst - voi che sapete -, Frauen, sagt es mir! Bitte!“

          Jan Brachmann

          Redakteur im Feuilleton.

          Und die Frauen? Sie können den Jungen nicht ansehen. Ihre Gesichter haben sie zur Wand gedreht, voller Scham, voller Verzweiflung. Er hat sie an Dinge gemahnt, die heimlich in ihnen sind. Wäre das nicht schön, so wie Cherubino von der Liebe zu singen und darauf zu pfeifen, sich anzuseilen, abzusichern, zu bewahren? Ja, es wäre schön, aber Susanna und die Gräfin haben schon zu viel durchgemacht, um diesen Glauben noch zu teilen. Just in diesem Moment wird es ihnen klar. Das tut weh, und sie wenden den Blick ab.

          Verwachsen wie siamesische Zwillinge

          So hat Andreas Dresen die zweite Szene im zweiten Akt von Wolfgang Amadeus Mozarts „Le nozze di Figaro“ inszeniert. Man kann es derzeit sehen im Schlosstheater des Neuen Palais in Potsdam. Der kleine Raum ermöglicht dem Regisseur eine Nähe zu den Figuren, wie es sie sonst nur im Film gibt, wo Dresen - „Sommer vorm Balkon“, „Wolke neun“ - aus dieser Nähe schon so eindringlich seine ganze erzählerische Fülle entwickelt hat. Auch dieser Potsdamer „Figaro“ - Dresens zweite Opernregie nach einem „Don Giovanni“ in Basel - verlässt sich ausschließlich auf die Figuren und die Musik.

          Regisseur Andreas Dresen: Eine Nähe zu den Figuren, wie es sie sonst nur im Film gibt
          Regisseur Andreas Dresen: Eine Nähe zu den Figuren, wie es sie sonst nur im Film gibt : Bild: dapd

          Die Bühne von Mathias Fischer-Dieskau besteht karg und abstrakt aus mobilen Türen samt Zargen. Die Kostüme von Sabine Greunig entsprechen den Kleidungsgepflogenheiten unseres eigenen Alltags. Das ist alles von größter Zurückhaltung. Das eigentliche Theater entsteht durch die Bewegung der Figuren: Wer schaut wen an und mit welchem Blick? Wer weicht wem aus? Die Bewegung aber ist keine nur äußere. Sie kommt aus der Musik, aus ihren Spannungen, Gesten und dem Wirrsal von Empfindungen, die alle mit ihrem Gegenteil verwachsen sind wie siamesische Zwillinge.

          Komplexität des Empfindens

          Wenn Graf und Gräfin sich um einen Zimmerschlüssel streiten, geraten sie so eng aneinander, dass die Wut sofort in Begehren umschlägt und dann wieder in Gewalt. Wenn Susanna nachts im Park mit ihrer Rosenarie - als federleichte Serenade musiziert - den Grafen lockt und Figaro foppt, dann frisst sich nach und nach durch dieses Versteckspiel ihr eigenes, bedrückendes Gefühl: Kann ich das Figaro, meinem Mann, antun, und wird das jemals gut ausgehen? Ihre Hand fasst ins Dunkel und findet die seine. Wenn man doch mit dem Spielen endlich aufhören und aufrichtig sein könnte!

          Es ist diese Komplexität des Empfindens, die Mozarts Musik beschreibt, das Ineinander von Verstellung, Sehnsucht, Hingabe und Intrige. Daraus entwickelt Dresen seine Mehrstimmigkeit szenischer Bewegungen - manchmal so langsam und unscheinbar, dass es nach nichts aussehen kann. Doch die Musik erfüllt die freigehaltene Zeit.

          Der Graf als Miststück

          Sergio Azzolini dirigiert die Kammerakademie Potsdam blasend vom Fagott aus. Und bis auf wenige Ausnahmen herrschen langsame Tempi vor, in denen die Beziehungen und Erfahrungen der Figuren an Intensität gewinnen. Schwerfällig wird das nie, weil das historisch informierte Spiel der Musiker in allen Details belebt und durchgearbeitet bleibt.

          Olivia Vermeulen als Cherubino singt mit erlesener, nie versiegender Süße. Unglaublich niedlich in ihrer silbrigen Naivität ist die Barberina von Alice Borciani. Die Traurigkeit der Gräfin wird bei Jutta Maria Böhnert zu einer ernsten Angelegenheit ohne selbstgenießerische Larmoyanz. Und Christian Senn gelingt es, den Grafen als Miststück zu zeigen, vor dem man Angst haben muss, der aber über so viel Empfindsamkeit, Charisma und seelische Größe verfügt, dass Susanna ihn gewiss nicht ohne Neigung küsst. Auch wenn die Stimme von Susanne Ellen Kirchesch an Fülle und innerer Festigkeit noch gewinnen könnte, so ist doch ihre Ausstrahlung als Susanna stark: Weil ihr Gesicht so durchsichtig bleibt für die Vorgänge in ihrem Innern, kann sie - singend, spielend - die Gegenströmungen von Oberfläche und Tiefe besonders fesselnd darstellen. Giulio Mastrototaro mag da als Figaro etwas simpler veranlagt sein, doch in der Schlussszene ist auch er, der das Handfeste liebt, sich aber nach Innigkeit sehnt (und beides in seine Stimme legen kann), durch das Geschehen völlig verstört.

          Das politisch Aufmüpfige dieses Stücks, die Rebellion Figaros gegen den hierarchischen Sex, den der Graf mit seinen weiblichen Angestellten praktiziert, brachte auch Dresen nicht auf die Szene. Immer mehr wird heute auf den Bühnen Mozarts „Figaro“ zu einem Stück über die Tiefenpsychologie der Liebe zwischen weitgehend gleichberechtigten Subjekten. Wie zwanglos und im Ergebnis ergreifend sich solche Aktualisierung durch Vertrauen auf die Musik herstellen lässt, das hat Dresen jetzt in Potsdam bewiesen.

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