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Festspielsommer : Mein Gott, was machen wir

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Es gibt kein Entrinnen: dieser Sommer ist ein rauschendes Kulturfest Bild: dpa

Festspiele allerorten - und von Krise kaum eine Spur: Im Sommer 2009 ist das Angebot für Kulturtouristen und Festivalfreunde reicher denn je. Ein Selbsterfahrungsbericht von Elke Heidenreich.

          6 Min.

          Nein, das habe ich nicht geahnt, wie viel Festspiel allerorten ist. Vor vier Jahren fing ich an, jeden Sommer für diese Zeitung über ein Festival zu berichten. Da dachte ich noch: Wie schön, Kultur im Sommer - muss man doch beachten, muss man doch den Menschen nahebringen, damit sie nicht nur auf ihren Liegestühlen herumliegen! Bayreuth! Glyndebourne! Torre del Lago! Jetzt frage ich mich, ob überhaupt noch jemand auf Liegestühlen liegt, denn es festspielt landauf, landab mit ungeahnter Wucht.

          Natürlich München, Berlin, Ruhrtriennale; natürlich Bayreuth, obwohl es, ironische Macht des Schicksals, in diesem Jahr eine Zeitlang so aussah, als ob ausgerechnet Verdi Bayreuth verhindern wollte. Herrenchiemsee war immer schon, Salzburg war immer schon, Schleswig-Holstein, Schwetzingen, Ludwigsburg. In Bregenz kommt dieses Jahr nach dem Tosca-Auge der Aida-Fuß. Nibelungen in Worms, Jesus in Oberammergau, Rokoko in Ansbach und Barock in Bad Arolsen, Karl May in Bad Segeberg und die Fledermaus in Neustrelitz, Haydn in Eisenstadt und die Zauberflöte im Schweinestall von Klein-Leppin, das ganze Dorf singt mit.

          Raus aus dem Alltag!

          Nein, ich habe nicht gewusst, dass wir eine derart kultursüchtige Nation sind, wo doch an der Kultur immer zuerst gespart wird. Wo kommt all das Geld für diese Festspiele her? Woher kommen die Hunderttausende von Zuschauern? Ein Mirakel. Joachim Kaiser weiß in der „Süddeutschen“ auf seine unnachahmliche Schnörkelart die Antwort: „Menschen, die der Faszination von Musik einen Platz in ihrem Leben einräumen, brauchen neben den sauren Wochen des Alltäglichen die frohen Feste des Besonderen, Unalltäglichen.“ Ach so. Aber wer hätte gedacht, dass es davon derart viele gibt!

          Gemächlich fahre ich mit Musikerfreund Floros durch Frankreich, wir wollen zu den Opernfestspielen nach Aix-en-Provence. Auf dem weiten Weg in den tiefen Süden dasselbe Bild: Festspiele in den Rhone-Alpen, jeden Abend Cellokonzerte in Villard-St-Pancrace, Klavierfestival in La Roque d'Anthéron, ein Ort namens Callas bietet passenderweise Wochen Alter Musik, und entlang der Durance gibt es Bach, Telemann, Vivaldi (kennen Sie eigentlich von Wolfgang Hildesheimer den Text, in dem er beschreibt, wie er sich die Hölle vorstellt? Wie St. Moritz im Sommer, und jeden Abend ein Konzert mit Triosonaten von Telemann und Johann Sebastian Bach, gespielt auf Originalinstrumenten, missgestimmt von Harnoncourt!). Also Bach, Telemann, Vivaldi, aber, wir staunen, auch Schnittke und Ligeti. An der Durance. Irgendwo in den Rhone-Alpen.

          Ästhetische Apokalypse

          In Aix-en-Provence ist es gar nicht so einfach zu erfahren, was wann wo ist. Zwar hat die Stadt für die Festspiele geflaggt, aber das Opernhaus liegt eher am Rand zwischen allerlei Plattenbau, an der Kasse nur „normale“ Opernkarten, nichts fürs Festival, das machen andere, die kommen aber erst am Abend. Das Festspiel als Fremdkörper? Wir sind rechtzeitig da, um das gewaltige Opernhaus zu umrunden, in Spiralen kann man außen auf- und abwärts wandeln, ein Amphitheater für die Zuschauer, nicht für die Künstler. Außen zeigen wir uns selbst, blicken auf die Stadt und freuen uns, dass in fast jeden Mauernquader ein Handwerkername mit Werkzeug eingraviert wurde, Maurer mit Kelle, Zimmerleute mit Hammer, Architekten mit Zirkel, Elektriker mit Blitz - was für eine schöne Idee.

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