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Festspielleitung : Feudaler Staatsstreich in Bayreuth

Wenn die Öffentlichkeit es hinnimmt, dass die Bayreuther Festspiele in der Hand der Gründerfamilie bleiben, dann hat sie ein Interesse daran, dass Nike Wagner eine Chance erhält. Jetzt aber will Eva Wagner-Pasquier mit ihrer Schwester Katharina die Festspiele leiten. Nike Wagner war letztlich nur Spielfigur.

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          Als Bernd Neumann, der Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, die Satzung der Richard-Wagner-Stiftung Bayreuth und die mit Wolfgang Wagner, dem Festspielleiter auf Lebenszeit, geschlossenen Verträge vorgelegt bekam, war er verblüfft. Was er las, erinnerte ihn in all der wild wuchernden Umständlichkeit von Klauseln, die die Machtvollkommenheit des Prinzipals nicht so sehr einhegen als vielmehr sichern, an die Zeiten des Duodezfürstentums, ja ans Mittelalter. Die beschleunigte Regelung der Nachfolge des greisen Gründerenkels, die Neumann im Verein mit dem bayerischen Kunstminister Thomas Goppel zu seiner Sache gemacht hat, soll die Tore des Festspielhauses aufstoßen für den festlichen Einzug jener modernen Verwaltung, deren Prinzipien von Rechnungslegung und Rechenschaft der Gönner Richard Wagners, König Ludwig II., in der Kunstpolitik nicht hatte gelten lassen wollen.

          In der vierten Generation der Festspielleitung wird nun das dynastische Prinzip gewahrt bleiben, aber das monarchische fallen. Die beiden Töchter Wolfgang Wagners, Eva und Katharina, denen das allerhöchste Wohlgefallen öffentlich zugesichert worden ist, werden branchenübliche Kurzzeitverträge erhalten. Vielleicht wird auch die der Transparenz nicht dienliche Bestimmung überprüft, dass der Chef seine Macht dem Vertragsbuchstaben nach als Mieter des Festspielhauses genießt. Eine Herrschaft gemäß der feudalen Devise des Drachen Fafner („Ich lieg und besitz“) wird es auf dem Grünen Hügel nicht mehr geben.

          Nur eine Frage der Zeit

          Angesichts des Lebensalters von Wolfgang Wagner und der Abhängigkeit der Festspiele von den Zuschüssen der öffentlichen Hand war dieser Staatsstreich nur eine Frage der Zeit. Den Zeitdruck, der die maßgeblichen Stiftungsratsmitglieder bewogen hat, ein vom Stiftungsrat erst vor wenigen Monaten eingeleitetes Verfahren der Nachfolgevorbereitung tatsächlich abzubrechen, haben Neumann und Goppel nicht plausibel gemacht. Die Planungen für die kommenden Jahre stehen, und für den Fall eines plötzlichen Interregnums ist ein Interimsintendant eingesetzt. Woher also die Eile? In Abwesenheit sachlicher Gründe darf man daran denken, dass 2009 Bundestagswahl ist, vor der Bernd Neumann seine Bilanz präsentieren wird.

          Im vorsorglichen Verfahren haben die Cousinen Nike Wagner und Eva Wagner-Pasquier eine gemeinsame Bewerbung eingereicht. Diese Bewerbung ist Makulatur, seit Goppel in Absprache mit Neumann Eva Wagner-Pasquier aufgefordert hat, sich mit ihrer Halbschwester Katharina Wagner zusammenzutun. Denn aus dem Brief Wolfgang Wagners, der dieser Aufforderung vorausging, ist bekannt, dass der Festspielleiter die Mitteilung über sein Abtreten erst dann machen wird, wenn er sich sicher sein kann, dass seinem Willen entsprochen wird.

          Das Kunstreich von Bayreuth

          Um das Feudalzeitalter auf der Bayreuther Festung zu beenden, haben die Minister seltsamerweise ein Rechtsinstitut wiederhergestellt, das aus der deutschen Verfassungsgeschichte bereits im frühen Mittelalter verschwunden ist: die Designation durch den Amtsinhaber. Dem germanischen Glauben an das Sippenheil entsprach es, dass der Fürst auf dem Sterbelager den Geeignetsten aus seinen Verwandten auswählte. Die Satzung der Festspielstiftung will dieses Vorgehen aber gerade ausschließen. Erst wenn der Festspielleiter auf sein Amt verzichtet hat, kommt das Vorschlagsrecht der Familie Wagner zur Geltung. Der Stamm des scheidenden Chefs ist nur einer der vier gleichberechtigten Familienzweige.

          Richard Wagner hat in Bayreuth ein Kunstreich gegründet, dessen Idee und Geschichte den Versuch rechtfertigen, seinen Nachkommen in der Nachfolge im Zweifel den Vorrang zu lassen, also mit dem Auftreten von erblichem Charisma zu rechnen. Wie in einer konstitutionellen Monarchie setzt diese Konstruktion allerdings ein durchsichtiges und nicht jeweils änderbares Verfahren voraus, um dem rechtsstaatlichen Standard zu genügen: Die geborenen Bewerber sind gegenüber Nichtfamilienmitgliedern privilegiert, aber sie müssen untereinander streng gleich behandelt werden. Wenn die Öffentlichkeit es schon hinnimmt, dass eine Institution der deutschen Nationalkultur in der Hand der Gründerfamilie bleibt, dann hat sie ein Interesse daran, dass Nike Wagner, die sich jahrzehntelang unter den Augen des Publikums auf die Übernahme der Festspielleitung vorbereitet hat, eine wirkliche Chance erhält, ihre Gedanken für die Festspiele der Zukunft in die Entscheidungsfindung einzuführen.

          Nach dem, was über die Meinungsbildung des Stiftungsrates bekanntgeworden ist, war Nike Wagner für die entscheidenden Herren von Anfang an nur eine Spielfigur. Durch die gemeinsame Bewerbung mit Eva Wagner-Pasquier sollte Wolfgang Wagner bewogen werden, einer Doppelspitze Eva/Katharina als dem kleineren Übel zuzustimmen. Kulturstaatsminister Neumann kennt Nike Wagner als Intendantin des von seiner Behörde geförderten Kunstfestes in Weimar. Doch mutmaßliche persönliche Eindrücke können kein Grund sein, es zu einem Verfahren, in dem ein Konzept sich unter Konzepten durchsetzen muss, gar nicht erst kommen zu lassen. Nach Laune und Vorurteil machten Duodezfürsten Kulturpolitik.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

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