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Festspieleröffnung in Salzburg : Feuerprobe für die Kultur

Als wollte ein Gott seine Gemeinde verwarnen: Blick auf den sich leerenden Salzburger Domplatz kurz vor Ausbruch des Gewitters Bild: Ruth Walz

Wenn das hier gut geht, können die Theater europaweit aufatmen: Die Salzburger Festspiele starten unter Virus-Bedingungen in ihr hundertstes Jubiläum.

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          Die Hitze steht im Tal an diesem bang erwarteten Eröffnungstag. Keine Wolke ist am Himmel zu sehen, die Sicht ist klar. Trügerisch klar. Als wäre nichts im Schwange, keine Pandemie, kein Virus. Als könnte man unbeschwert den hundertsten Geburtstag feiern, sich wangenküssend in den Armen liegen und lachend die Champagnergläser aneinanderstoßen lassen. Aber: Es gibt keinen Champagner in diesem Jahr, jedenfalls nicht am Rande der Vorstellungen. Es gibt auch keine Pausen. Und selbst Wangenküsse sind nur selten zu sehen. Stattdessen sitzen die Festspielbesucher am frühen Nachmittag noch etwas eingeschüchtert in den Gartenrestaurants der Stadt und warten darauf, dass der Abend Abkühlung bringt. Oben in Maria Plain, der wunderschön gelegenen Wallfahrtskirche über der Stadt, beten ein paar ältere Damen schon in Abendgarderobe vor dem berühmten Gnadenbild. In Kriegszeiten pilgerten die Menschen früher hierher, um die gekrönte heilige Maria um Schonung anzuflehen. Heute knien sie hier, weil sie eine Ansteckung mit dem Virus fürchten. Wie ein Damoklesschwert schwebt die Infektionsgefahr im Jubiläumsjahr über den Salzburger Festspielen. Lange war unklar, ob sie wirklich stattfinden können oder wie Bayreuth, Avignon und nahezu alle anderen vergleichbar großen Kulturfestspiele im Sommer abgesagt werden würden.

          Simon Strauß

          Redakteur im Feuilleton.

          Die Verantwortlichen hatten heftig mit sich und der Politik gerungen, ihr umfangreiches Programm – und sogar manchen Opernabend – radikal zusammengekürzt und strenge Sicherheitskonzepte für Künstler und Publikum entwickelt, bis die Entscheidung fiel: Pünktlich zum Eröffnungstag sind in Österreich wieder Veranstaltungen mit bis zu tausend Besuchern gestattet. Die Salzburger Festspiele werden so zu einem Testfall für den gesamten europäischen Kulturherbst: Geht es hier gut, können Theater und Konzertsäle auch andernorts hoffen, bald wieder ein größeres Publikum zu empfangen. Geht es allerdings schief, dann mag man sich den Vertrauensverlust für die gesamte Branche nicht ausmalen. Die Nerven sind angespannt. Ein Schauspieler, der in der Getreidegasse unweit von Mozarts Geburtshaus noch auf der Suche nach Premierengeschenken ist, erzählt wie glücklich er sich dabei fühlt, endlich wieder auf einer Bühne stehen und unter mehr oder weniger normalen Bedingungen spielen zu können. Aber er sagt auch, dass er nachts wach liege, ängstlich schlucke und sich dabei ausmale, dass er derjenige sein könnte, der das Virus ins Theater bringe und damit jenes Katastrophenszenario verursache, vor dem sich alle fürchten.

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