https://www.faz.net/-gs3-7d4as

Wagners „Meistersinger“ in Salzburg : Die großartigste Gewaltorgie

  • -Aktualisiert am

Die Welt als Schreibtisch: das hinreißende Bühnenbild von Heike Scheele Bild: Charlotte Oswald

„Die Meistersinger von Nürnberg“ werden von Stefan Herheim ins Biedermeier verlegt, mit allen Putzigkeiten, Locken und Borten. Nur die Nacht- und Schattenseiten kommen zu kurz.

          5 Min.

          Eine einzige komische Oper hat Richard Wagner geschrieben. Marcel Reich-Ranicki, der das Stück nicht nur gut kennt, sondern auch liebt, verdanken wir die Einsicht, dass es sich dabei um die Nationaloper der Deutschen handelt. Hauptakteur ist das Volk, der Chor. Im ersten Akt beten sie, im zweiten Akt schlagen sie sich, im dritten Akt wählen sie sich einen Führer. Zwar kommt niemand in „Die Meistersinger von Nürnberg“ zu Tode. Es ist sogar die einzige Oper Richard Wagners, darin die Liebe siegt. Trotzdem steckt viel Gewalttätigkeit in diesem Happy End.

          Fast alle Witze der „Meistersinger“ sind von der üblen schadenfrohen Sorte, die auf Kosten des Verlierers geht. Auch die Gewinner holen sich blaue Flecken. Beispielsweise Schusterlehrling David, der zuerst hauptsächlich Spott einsteckt, dann aber in der Johannisnacht, die aufgipfelt in der grandios-kakophonischen Prügelfuge, zu denjenigen gehört, die hauptsächlich Schläge austeilen. Im dritten Akt wird er dann glücklich zum Gesellen befördert. Jetzt ist er endlich in den Stand gesetzt, seine kluge Lene zu heiraten. Aber weil sich „Gesell’“ auf „Schell’“ reimt und weil die butzenscheibenverschatteten Wagner-Texte im Fall der „Meistersinger“ eben nicht gestabreimt sind, vielmehr den Endreim frühneuhochdeutscher Knittelverse nachahmen, deshalb kriegt David just im Augenblick seines Triumphs eine so gewaltige Ohrfeige von Meister Sachs, dass er wie ein Käfer auf den Rücken fällt.

          Vom Teekessel über das Cello bis zu Totenschädel und Stundenglas

          Hans Sachs ist freilich nicht der einzige Grobian. Andauernd ist in diesem Stück von Knieriemen, Dreinschlagen, Fellgerben und Blankziehen die Rede. Und weil gezielte Verbalinjurien den Gegner, etwa im Boxring, schon vor Beginn der Handgreiflichkeiten mürbe machen und in die Knie zwingen können, hat Regisseur Stefan Herheim diese Methode nun auch in seiner „Meistersinger“- Inszenierung ausprobiert.

          Sachs beleidigt Beckmesser. Schon purzelt der, vom Windhauch des Wortes gefällt, zu Boden. Galant hilft ihm Sachs wieder auf die Beine. Ja, mehr noch, bei Herheim reicht oft schon der Windhauch der Musik aus, um diese Wirkung zu zeitigen. Etwa, wenn Ritter Walter von Stolzing sich um Aufnahme in die Meistersinger-Zunft bewirbt mit einem Song, der wie eine Trompetenfanfare beginnt. Er singt „Fanget an!“, schon liegt die gesamte Zunft samt Lehrbuben umgepustet auf der Matte. Oder gleich zu Beginn, wenn in sattem, fettem Tutti erstmals das Meistersinger-Thema der Ouvertüre hereinbricht, über uns und über den armen deutschen Michel, so, dass der sich wegducken muss, niederkartätscht von der stahlharten C-Dur-Attacke, die er doch offenbar gerade eben selbst komponiert hatte.

          Sachs im Biedermeiernachthemd ergibt sich dem Schaffensrausch am Schreibtisch
          Sachs im Biedermeiernachthemd ergibt sich dem Schaffensrausch am Schreibtisch : Bild: Charlotte Oswald

          Michel ist Sachs, der Volksheld, die zweite Haupt- und Staatsperson der Oper, neben dem Volk. Eine mörderische Partie: einmal aufgetreten, immer aufgetreten. Michael Volle, obgleich stimmlich alles andere als ein großrahmiger, starker Sachs-Bass-Bariton, meistert die Rolle im wahrsten Sinne des Wortes. Er verbrüllt sich nicht, aber er ist ein famos faustisches Genie, schon vom Temperament her umwerfend. Und vor dem Auftakt, als das Orchester noch schweigt, tappt dieser unwirsche Wagner-Goethe-Beethoven-Schopenhauer-Sachs-Führer im Biedermeiernachthemd auf die Panoramabühne hinaus, die gleich das gesamte Mehrzimmerappartement seiner deutschen Dichter- und Denkerwerkstatt präsentiert, mit allen möglichen Biedermeierputzigkeiten, vom Teekessel über das Cello bis zu Totenschädel und Stundenglas. Wurschtelt in seinen Schuhmacher-Schubladen herum. Baut sich aus den Spielzeugklötzchen seiner Kinder ein kleines Nürnberg. Und ergibt sich dann, im milden Licht der Butzenscheibe, dem Schaffensrausch am Schreibtisch.

          Wie gesagt: Dieses waffenklirrend diatonische, volkstümelnde Meistersinger-C-Dur, das ist ja Sachsens ureigenste Erfindung. Sein Schreibtisch, der verändert sich unterdessen. Er scheint zu wachsen. Noch während die Wagner-Goethe-Beethoven-Schopenhauer-Sachs-Ouvertüre weiterrauscht und glänzt und triangelt und trombt, wächst Sachsens Walnussholz-Sekretär, wird groß wie das Haus und noch größer, er verwandelt sich in die Katharinenkirche, wo die Nürnberger Bürger sich gerade versammelt haben, um machtvolle Lutherchoräle zu singen. Mit anderen Worten: Sachs selbst erfindet die Oper „Die Meistersinger von Nürnberg“ in Herheims Inszenierung. Sachs ist Wagner. Und er erfindet zugleich sich selbst, findet sich staunend, in seinem Nachthemd, mit der Michelschlafmütze, plötzlich wieder in seiner eignen Kreation.

          Großartige Gewaltorgie, ohne einen Tropfen Blut

          Später wird aus der Asservatenkammer mit den Versteinerungen, den Folianten und dem Stundenglas so etwas wie ein Märchenwald, wachsen sich Schusterschemel und Vitrine aus zur Altnürnberger Häuserzeile. Dass all diese Verwandlungen so fließend und geräuschlos vonstattengehen, selbstverständlich mit Hilfe moderner Filmtechnik, wirkt wie ein Wunder. Dabei ist die Idee, dass Menschen zu Däumlingen schrumpfen und in ihre eigne Vitrine einziehen oder vielmehr umgekehrt dass sich das Mobiliar zu Abenteuerlandschaften auswächst, eine uralte, zutiefst romantische.

          E.T.A. Hoffmanns „Nussknacker und Mäusekönig“ stehen Pate bei den zauberischen Bühnenbildern von Heike Scheele, aber auch bei den zuckersüßen, quietschbunten Biedermeierkostümen von Gesine Völlm, weshalb in der Johannisnacht, am Ende vom zweiten Aufzug, als Zitat leibhaftig der Mäusekönig auftaucht, neben all den anderen Märchenfiguren, die aus der Asservatenkammer herausspazieren, um beim Prügeln mitzuhelfen: Frau Holle, Hänsel und Gretel, Rotkäppchen und der Wolf, Schneewittchen und die sieben Zwerge, der Froschkönig, der Bricklebrit-Esel, der fliegende Robert, der Struwwelpeter und viele andere mehr.

          Hand aufs Herz: Wir haben schon lange nicht mehr so eine lustige und großartige Gewaltorgie gesehen wie diese - und alles ohne einen Tropfen Blut. In den brillanten Details der Personenführung hat die Regie noch weitere Paten bemüht: Sie heißen Wilhelm Busch, Walt Disney. So zackig und überpointiert wie Comicfiguren chargieren Sachs und Beckmesser, David und Magdalene, Ritter Stolzing und sein Evchen, Meister Pogner und die Lehrjungen. Wie im Trickfilm ergeben sich wunderliche Dinge aus dem Alltäglichen, Nächstliegenden. Und wie Comicfiguren schlagen sie einander und bluten doch nicht.

          Eine Riesenschnecke kriecht herein, um Sachs Deckung zu geben. Und bleibt. Zu den endlos vor sich hin nudelnden Verzierungen, die Beckmesser seinem Ständchen anhängt, nudelt die falsche Eva droben auf der Kredenz einen endlosen blonden Rapunzelzopf aus ihrer Krönchen-Frisur. So verschiebt sich der schwere, oft diffamierte, viel diskutierte Stoff dieser deutschen Gründerzeit-Musikkomödie ins kindlich Gelockte, Blonde, Leichte, Niedliche: Ein Traum wird daraus. Ein Schaum. Ein Sommernachtsträumchen.

          Ohne politisch-didaktischen Zeigefinger

          Es ist dies, seit undenkbar langer Zeit, wieder die erste „Meistersinger“-Inszenierung, die nicht mit einem politisch-didaktischen Zeigefinger winkt. Das ist wunderbar, wir fühlen uns im Festspielhaus, als hätten wir diesmal schulfrei. Nur für die Festwiese, fürs heikle Finale, fiel Herheim nichts Gescheites mehr ein. Vielleicht, dass alles Pulver schon verschossen war. Oder vielleicht ist diese Reichsparteitag-Musik denn doch gar zu gewaltig, gar zu vergiftet, als dass ein schlichter Lichtwechsel zum „Wacht auf“-Chor genügen könnte, die Nacht- und Schattenseite zu vergessen. Anschließend kränzt sich Wagner-Beethoven-Schopenhauer-Goethe-Sachs selbst mit Lorbeer, wie Daniel Düsentrieb, und bricht unter der Last zusammen.

          Es heißt zwar im Programmbuch, dass die Wiener Philharmoniker gespielt haben sollen. Wer das gleiche Orchester tags darauf unter Zubin Mehta erleben durfte, wird beschwören: Das kann nicht sein. Die „Meistersinger“ wurden dirigiert von Daniele Gatti, mit viel Schwung, aber wenig Präzision. Es waren Wackler zu hören, breitgelatschte, zerfaserte Einsätze, zu viele Unschärfen und Unsauberkeiten, in den Blech- und Holzbläsern ebenso wie in den Streichern. Ein kammermusikalisches Kleinod wie diese Komödienmusik braucht einfach einen viel exakteren musikantischen Zugriff, als ihn Gatti lieferte.

          Er setzte auf pastose Grandezza, launisch wechselnde Tempi und vor allem auf Lautstärke. Die Sänger mussten es büßen, es blieb ihnen nichts übrig, sie brüllten. Roberto Saccá (Stolzing) ließ den lyrischen Tenor-Schmelz missen, Anna Gabler (Eva) hatte nur eine fade Farbe vorzuweisen, auch Markus Werba als heldenhafter Beckmesser und Monika Bohinec als resolute Lene hinterließen keinen bleibenden Eindruck. Sängerisch herausragend (neben Volle) agierten nur Georg Zeppenfeld als Pogner und Peter Sonn als David. Für eine Salzburger Festspielpremiere ist diese Ausbeute zu gering.

          Weitere Themen

          Drei deutsche Kurstädte ausgezeichnet Video-Seite öffnen

          Unesco-Welterbe : Drei deutsche Kurstädte ausgezeichnet

          Die deutschen Kurstädte Baden-Baden, Bad Ems und Bad Kissingen sind in die Liste des Unesco-Welterbes aufgenommen worden – neben Kurstädten in weiteren Ländern Europas. Auch die Künstlerkolonie Mathildenhöhe in Darmstadt schaffte es neu auf die Liste.

          Topmeldungen

          Jens Spahn vergangene Woche auf dem Weg in die Bundespressekonferenz

          Urlaubsrückkehrer : Testpflicht könnte zum 1. August kommen

          Der Druck aus den Ländern war immer größer geworden. Nun hat das Ministerium von Jens Spahn offenbar einen Verordnungsentwurf erarbeitet, der eine Testpflicht für Reiserückkehrer von Anfang August an vorsieht.
          In Pflege: Das Ehrengrab der Volksschauspielerin Liesel Christ auf dem Frankfurter Hauptfriedhof.

          Grabpflege und Erinnerung : Wer seine Künstler nicht ehrt

          Auf Friedhöfen wird es leerer. Man kann dort Filme sehen oder Gymnastik machen. Und wer kümmert sich um Ehrengräber? Auch Frankfurt hatte einen Fall wie jetzt Berlin mit Oskar Loerke.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.