https://www.faz.net/-gs3-7d4as

Wagners „Meistersinger“ in Salzburg : Die großartigste Gewaltorgie

  • -Aktualisiert am

Großartige Gewaltorgie, ohne einen Tropfen Blut

Später wird aus der Asservatenkammer mit den Versteinerungen, den Folianten und dem Stundenglas so etwas wie ein Märchenwald, wachsen sich Schusterschemel und Vitrine aus zur Altnürnberger Häuserzeile. Dass all diese Verwandlungen so fließend und geräuschlos vonstattengehen, selbstverständlich mit Hilfe moderner Filmtechnik, wirkt wie ein Wunder. Dabei ist die Idee, dass Menschen zu Däumlingen schrumpfen und in ihre eigne Vitrine einziehen oder vielmehr umgekehrt dass sich das Mobiliar zu Abenteuerlandschaften auswächst, eine uralte, zutiefst romantische.

E.T.A. Hoffmanns „Nussknacker und Mäusekönig“ stehen Pate bei den zauberischen Bühnenbildern von Heike Scheele, aber auch bei den zuckersüßen, quietschbunten Biedermeierkostümen von Gesine Völlm, weshalb in der Johannisnacht, am Ende vom zweiten Aufzug, als Zitat leibhaftig der Mäusekönig auftaucht, neben all den anderen Märchenfiguren, die aus der Asservatenkammer herausspazieren, um beim Prügeln mitzuhelfen: Frau Holle, Hänsel und Gretel, Rotkäppchen und der Wolf, Schneewittchen und die sieben Zwerge, der Froschkönig, der Bricklebrit-Esel, der fliegende Robert, der Struwwelpeter und viele andere mehr.

Hand aufs Herz: Wir haben schon lange nicht mehr so eine lustige und großartige Gewaltorgie gesehen wie diese - und alles ohne einen Tropfen Blut. In den brillanten Details der Personenführung hat die Regie noch weitere Paten bemüht: Sie heißen Wilhelm Busch, Walt Disney. So zackig und überpointiert wie Comicfiguren chargieren Sachs und Beckmesser, David und Magdalene, Ritter Stolzing und sein Evchen, Meister Pogner und die Lehrjungen. Wie im Trickfilm ergeben sich wunderliche Dinge aus dem Alltäglichen, Nächstliegenden. Und wie Comicfiguren schlagen sie einander und bluten doch nicht.

Eine Riesenschnecke kriecht herein, um Sachs Deckung zu geben. Und bleibt. Zu den endlos vor sich hin nudelnden Verzierungen, die Beckmesser seinem Ständchen anhängt, nudelt die falsche Eva droben auf der Kredenz einen endlosen blonden Rapunzelzopf aus ihrer Krönchen-Frisur. So verschiebt sich der schwere, oft diffamierte, viel diskutierte Stoff dieser deutschen Gründerzeit-Musikkomödie ins kindlich Gelockte, Blonde, Leichte, Niedliche: Ein Traum wird daraus. Ein Schaum. Ein Sommernachtsträumchen.

Ohne politisch-didaktischen Zeigefinger

Es ist dies, seit undenkbar langer Zeit, wieder die erste „Meistersinger“-Inszenierung, die nicht mit einem politisch-didaktischen Zeigefinger winkt. Das ist wunderbar, wir fühlen uns im Festspielhaus, als hätten wir diesmal schulfrei. Nur für die Festwiese, fürs heikle Finale, fiel Herheim nichts Gescheites mehr ein. Vielleicht, dass alles Pulver schon verschossen war. Oder vielleicht ist diese Reichsparteitag-Musik denn doch gar zu gewaltig, gar zu vergiftet, als dass ein schlichter Lichtwechsel zum „Wacht auf“-Chor genügen könnte, die Nacht- und Schattenseite zu vergessen. Anschließend kränzt sich Wagner-Beethoven-Schopenhauer-Goethe-Sachs selbst mit Lorbeer, wie Daniel Düsentrieb, und bricht unter der Last zusammen.

Es heißt zwar im Programmbuch, dass die Wiener Philharmoniker gespielt haben sollen. Wer das gleiche Orchester tags darauf unter Zubin Mehta erleben durfte, wird beschwören: Das kann nicht sein. Die „Meistersinger“ wurden dirigiert von Daniele Gatti, mit viel Schwung, aber wenig Präzision. Es waren Wackler zu hören, breitgelatschte, zerfaserte Einsätze, zu viele Unschärfen und Unsauberkeiten, in den Blech- und Holzbläsern ebenso wie in den Streichern. Ein kammermusikalisches Kleinod wie diese Komödienmusik braucht einfach einen viel exakteren musikantischen Zugriff, als ihn Gatti lieferte.

Er setzte auf pastose Grandezza, launisch wechselnde Tempi und vor allem auf Lautstärke. Die Sänger mussten es büßen, es blieb ihnen nichts übrig, sie brüllten. Roberto Saccá (Stolzing) ließ den lyrischen Tenor-Schmelz missen, Anna Gabler (Eva) hatte nur eine fade Farbe vorzuweisen, auch Markus Werba als heldenhafter Beckmesser und Monika Bohinec als resolute Lene hinterließen keinen bleibenden Eindruck. Sängerisch herausragend (neben Volle) agierten nur Georg Zeppenfeld als Pogner und Peter Sonn als David. Für eine Salzburger Festspielpremiere ist diese Ausbeute zu gering.

Weitere Themen

Drei deutsche Kurstädte ausgezeichnet Video-Seite öffnen

Unesco-Welterbe : Drei deutsche Kurstädte ausgezeichnet

Die deutschen Kurstädte Baden-Baden, Bad Ems und Bad Kissingen sind in die Liste des Unesco-Welterbes aufgenommen worden – neben Kurstädten in weiteren Ländern Europas. Auch die Künstlerkolonie Mathildenhöhe in Darmstadt schaffte es neu auf die Liste.

Topmeldungen

Lionel Messi war im Jahr 2000 nach Barcelona gekommen – nun verlässt er den Klub.

Messi verlässt Spanien : Der große Knall

Der argentinische Superstar verlässt den FC Barcelona, für den er mehr als zwei Jahrzehnte gespielt hat. In Spanien wird nun darüber spekuliert, wohin es Lionel Messi ziehen könnte.

Waldbrände in der Türkei : Erdogan kennt die Schuldigen

Die Türkei, sagt Staatspräsident Erdogan, kämpfe gegen die schlimmsten Waldbrände ihrer Geschichte. Kritik an seiner Regierung weist er zurück – und greift an.
Der Impfschutz kann nach einigen Monaten nachlassen.

Auffrischungsimpfungen : So wollen die Länder den Corona-Booster zünden

Weil unklar ist, wie lange sich Geimpfte vor Corona in Sicherheit wiegen können, gibt es bald die dritte Spritze. Impfteams schwärmen wieder aus, die Arztpraxen übernehmen den Rest – doch wie genau soll die dritte Impf-Welle anrollen?

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.