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Tanz bei der Ruhrtriennale : Ballen, Zerstreuen, Sammeln

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Bochums Jahrhunderthalle ist nicht Avignons Freilichtbühne: Ihr Tanzstück „En Atendant“ hat Anne Teresa de Keersmaeker ursprünglich für die beginnende Nacht unter freiem Himmel geschaffen Bild: Tim Schulz/dapd

Bei der Ruhrtriennale werden zwei Choreographien von Anne Teresa de Keersmaeker gezeigt. Die für eine Aufführung unter freiem Himmel konzipierten Stücke leiden unter dem Ortswechsel in die Bochumer Jahrhunderthalle.

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          Der Tanz, schreibt Ruhrtriennalen-Direktor Heiner Goebbels, sei „vermutlich die am wenigsten institutionalisierte Kunstform“. Das bedeutet für Deutschland wohl einfach: am meisten benachteiligt. Der Tanz bildet an den Theatern die schwächste, schlechtest bezahlte Sparte, regiert von meist tanzfernen Intendanten, die Sparte, von der sich jeder Sparfritze am schnellsten trennt, diejenige, die im schulischen Curriculum nicht vorkommt. Und aus dieser Ecke heraus hat der Tanz so phantastisch das Schauspiel und die Musiktheaterregie inspiriert? Chapeau.

          Weil der Tanz eine in Heiner Goebbels’ Augen so interessante Kunst ist, begründet er seine Aufzählung der eingeladenen Tanzregisseure so: „Auch weil sie längst schon etwas anderes machen als Tanz: Kunst mit allen Mitteln“ - das von einem Komponisten, der sich in der eigenen Triennale als Regisseur von John Cages „Europeras 1 & 2“ präsentiert. An wessen Seite hat denn Cage fünfzig Jahre lang gearbeitet, für wen hat er „Ocean“ komponiert? Wer hat denn Igor Strawinskys Kompositionen ein ästhetisch ebenbürtiges Konzept gegenübergestellt, das die musikalischen Welten des Exilkünstlers dem zeitgenössischen Publikum in den Vereinigten Staaten erschloss? Das waren Merce Cunningham und George Balanchine. Deren revolutionäre Theaterkonzepte entstanden aus dem klassisch-akademischen Tanz und seiner Weiterentwicklung. Aber man kann eben die Ignoranz gegenüber dem Tanz auch dadurch fortsetzen, dass man ihn in dem Moment, da er sich irgendwo zur Performance hin verfranst, entdeckt und prima wenig institutionalisiert und echt einflussreich findet.

          Wie eine Zaubertafel

          Was man leicht verstehen kann an dieser Art wenig durchdachtem Lob, ist die Faszination durch technische Fähigkeiten. In Anne Teresa de Keersmaekers in der verglasten Jahrhunderthalle Bochum gezeigten Choreographien „En Atendant“ und „Cesena“ verblüfft am meisten die coole Beherrschung des riesigen leeren Bühnenraums durch schlichteste Bewegungsmuster. Da möchte man eher sagen, das Studium dieser sehr tänzerischen Raumdramaturgie sollte Pflichtfach beim Studium der Musiktheaterregie werden.

          In langer Reihe aufgestellt schreiten die Tänzer einmal von links nach rechts über die Bühne wie ein riesiger Besen, der alles bis dahin Gesehene aus dem Raum schiebt. Danach ist alles leer wie eine Zaubertafel. Oder die Mehrheit des Ensembles zieht sich an den Rand zurück, während einer, zwei oder drei in der Mitte weitertanzen, verloren wirkend fast wie in einer Wüste, aber mit der Energie angefüllt, die von der vollen Konzentration aller sie Umringenden ausgeht. Selten war ein Publikum so still wie in diesen zwei Aufführungen. Das lag nicht nur an der ungewöhnlichen, live gespielten und gesungenen Musik der „Ars Subtilior“. Das lag auch an dem klugen Wechsel zwischen Menschenhaufenbildung und solistischen Einsätzen, Zusammenballung und Zerstreuung, Auflösung und Sammlung.

          Ein andächtiges Ritual

          Der Aufführung beider Stücke liegt ein künstlerisches Zugeständnis zugrunde: Konzipiert für Freilichtaufführungen in Avignon, wurde „En Atendant“ in den Sonnenuntergang bis in die Dunkelheit hinein gespielt und „Cesena“ im Dunkeln begonnen, bis in die Morgendämmerung hinein. Beide Werke beziehen sich auf religiöse Ereignisse des vierzehnten Jahrhunderts, auf Avignon als Papststadt und Zentrum höfischer Kunst. Besonders „Cesena“, das schon im Brüsseler Opernhaus nicht funktionierte, schwebt auch im Industriedenkmal Jahrhunderthalle irgendwie im fremden Raum.

          Beide Stücke, für deren Idee konstitutiv ist, unter freiem Himmel erlebt zu werden und unter einem, der sich unmerklich, aber faszinierend von Blau zu Schwarz und am Morgen von Schwarz zu Blau ändert, leiden unter der Ortsveränderung. Beide büßen an Sinn ein und wirken wie ein Missverständnis von zeitgenössischem Tanz, nämlich wie ein andächtiges Ritual zur Feier eines vermeintlich kostenlos fortzusetzenden Avantgardehabitus.

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