https://www.faz.net/-gs3-6m30i

„Tannhäuser“ in Bayreuth : Kaulquappen und eine schwangere Venus

  • -Aktualisiert am

Blutrot geht Elisabeth (Camilla Nylund) in Bayreuth zur Sache Bild: dpa

Bei den Bayreuther Festspielen debütiert der Dirigent Thomas Hengelbrock mit einem zerbrechlichen „Tannhäuser“. Sebastian Baumgarten führt Regie - und verstrickt sich in schiefe Bilder. Das Ganze ist altbacken und ärgerlich.

          5 Min.

          Ein Gespenst geht um in Bayreuth. Vorher, nachher und in den Pausen, man kann es kaum übersehen. Es heißt: Kollo. Einst ein großer Wagnertenor, der Siegfried vom Dienst hier in den Siebzigern. René Kollo hat sich gut gehalten. Heute trägt er Sneaker, leichten Bauchansatz, ein buntes Hemd. Er ist wieder da, wie jedes Jahr.

          Auch wenn er keine Karte hat: Er kommt trotzdem an jedem 25. Juli, den der Herrgott wachsen lässt, wieder zurück auf den Hügel, zum Defilee der Eröffnung der Bayreuther Festspiele - ein Adrenalinjunkie, der nicht lassen kann von der Aura dieser heiligen Halle, von diesem etwas billigen, bodenständigen Bratwurst-Glamour, dem hornissenhaften Stimmengewirr, dem parfümschweren Promigewusel.

          Diesmal hat Kollo etwas mitgebracht. Er hat soeben seinen ersten Kriminalroman veröffentlicht, aus dem er in der Stadthalle vorlesen wird; auch singen soll er da ein bisschen, so steht es jedenfalls auf dem Flyer zu lesen. „Die Morde des kleinen Tannhäuser“ heißt das Buch, eine haarsträubende Story, es hagelt darin Tote, Erstochene und Erdrosselte.

          So darfst du nicht an den Schnaps: Lars Clevemann als Tannhäuser (rechts) hätte sich besser auch so bedeckt gehalten wie der Landgraf und seine Jagdgesellen

          Der negative Held des Romans, der mit dem Venuspreislied auf den Lippen kleine Mädchen massakriert, heißt mit Vornamen „Sebastian“ - genau wie der Regisseur, der die neue „Tannhäuser“-Inszenierung in Bayreuth besorgt hat, und der letzte Satz des Buches lautet: „Es war wohl das Dionysische.“

          Die vollgestopfte Bühne

          Kollo ist nicht der einzige Wiedergänger. Auch Carl Hegemann ist wieder da, Helenes Vater, bewährter Chefdramaturg an Castorfs Volksbühne in Berlin. Er hatte 2004 für Christoph Schlingensiefs „Parsifal“ die Dramaturgie besorgt und tat das nun wiederum für Baumgartens „Tannhäuser“. Aber so banal und so schematisch-dogmatisch, wie Hegemann jetzt im Programmbuch den „Tannhäuser“ (den er sowieso für „nicht gerade eine der bedeutendsten Opern“ Richard Wagners hält) herunterrechnet auf einen Konflikt zwischen dem Dionysischen und Apollinischen, haben wir das vielschichtige Mysterienspiel des „Parsifal“ wahrhaftig nicht in Erinnerung.

          Es sind vielleicht ein paar lästige Parallelen zu bemerken: Auch diesmal ist die Bühne wieder vollgestopft mit allerhand Wegweisern, Hörhilfen und Fußnoten. So etwas ist nicht wegzudenken aus der krypto-dialektischen, postbrechtischen Verfremdungsästhetik, der auch Baumgarten verpflichtet ist. Eingeblendete Zwischentitel verkünden: „Wir denken nach“ oder „Wir sind krank“ oder „Kunst wird Tat“. Videobilder dokumentieren mikroskopische Prozesse, bei denen nicht immer klar unterschieden werden kann, ob es sich gerade um Seegurken oder Amöben handelt oder um die Begleitumstände einer Begattung, Verdauung oder Verwesung.

          Ist auch egal. Längst hat man sich gewöhnt an diese didaktische Videoritis, die ja überhaupt erst ankam in Bayreuth, als sie sich anderswo auf den Theater- und Opernbühnen längst totgelaufen hatte (oder aber kreativ überholt worden ist, etwa von Katie Mitchells Live-Videos). Man nimmt das so hin, als ein unvermeidliches Übel, man denkt sich das weg und lässt es so vor sich hin flimmern, wie man auch die im Dunkeln leuchtenden Exit-Schilder im Theater ignoriert.

          Weitere Themen

          Schwarze Titelseiten in Australien Video-Seite öffnen

          Ruf nach Pressefreiheit : Schwarze Titelseiten in Australien

          Einige der großen Tageszeitungen in Australien erschienen am Montag mit geschwärzten Titelseiten. Damit wollten die Blätter nach eigenen Angaben auf die australische Gesetzgebung aufmerksam machen. Diese erschwere Journalisten die Arbeit, biete keinen ausreichenden Schutz der Pressefreiheit und lasse etwa die Durchsuchung von Redaktionsräumen zu.

          In seiner Welt steht die Zeit still

          Delfter Maler Pieter de Hooch : In seiner Welt steht die Zeit still

          Lange Zeit stand er im Schatten Vermeers, jetzt können wir seine meisterhaften Stadtbilder und Innenräume neu entdecken: Das Museum Prinsenhof in Delft zeigt das Lebenswerk des niederländischen Barockmalers Pieter de Hooch.

          Topmeldungen

          Bram Schot

          F.A.Z. Exklusiv : So spart Audi gegen die Krise

          Rund 15 Milliarden Euro sollen in den kommenden Jahren eingespart werden. Die Werke in Ingolstadt und Neckarsulm wird es wohl besonders hart treffen. Audi-Chef Schot sagt, er habe aber klare Vorstellungen, wie die Beschäftigung gesichert werden kann.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.