https://www.faz.net/-gs3-zin7

Stimmen zum Tod von Christoph Schlingensief : Ein Künstler von bestürzender Relevanz

  • Aktualisiert am

Der Dirigent Christian Thielemann Bild: dpa

Am Tag nach dem Tod Christoph Schlingensiefs herrscht Bestürzung und Trauer bei Prominenten aus Kultur und Politik. Reaktionen von Christian Thielemann, Klaus Biesenbach, Susanne Gaensheimer, Jossi Wieler, Elfriede Jelienk und anderen.

          Christian Thielemann
          Die Nachricht vom Tod Christoph Schlingensiefs erreichte den Dirigenten Christian Thielemann am Samstag in Bayreuth, als er gerade die „Walküre“ dirigierte: „Sie hat mich schockiert und betroffen. Schlingensief verfügte über eine ungeheuerliche Begabung, wie man sie selten findet. Er hatte eine schier überbordende, kaum zu bändigende Phantasie, die mir höchst bewundernswert erschien, wenn sie in ihrer verschwenderischen Fülle zugleich auch viele Rätsel aufgab. Schlingensiefs Inszenierungen wirkten, als habe er sie geträumt. Seine Fähigkeit, eine Flut von vieldeutigen Bildern auf die Bühne zu bringen, die sich zu großen, erzählerischen Bögen fügten, hat mich sehr beeindruckt.

          Es ist sehr tragisch, wenn ein so großes Talent so jung stirbt. Tragisch, nicht nur im menschlichen Sinne, sondern auch im künstlerischen. Denn auf Schlingensiefs weitere Entwicklung wäre ich sehr gespannt gewesen. Hätte er später die Fülle seiner Einfälle womöglich noch stärker gebändigt, Dinge weggelassen, zu einer strengeren Bühnensprache gefunden? All das hätte mich sehr interessiert. Es gibt nicht viele Künstler, die über einen solchen imaginativen Reichtum verfügen.“

          Klaus Biesenbach

          Ein ganz großer Künstler ist von uns gegangen, sagt der Kurator Klaus Biesenbach: „Vielleicht der einzige Erbe, der die Herausforderung „soziale Plastik“ wirklich ernst genommen hat. Christoph Schlingensief musste erst darauf aufmerksam gemacht werden, dass er ein großer Künstler ist; er sah sich als Filmregisseur. Am 30. August 1997 in Kassel. Es ist der Morgen, nachdem Lady Diana verunglückt ist. Kassel, die trockene geniale Documenta X. Christoph Schlingensief ist für die Performance-Bühne eingeladen.

          Der Kurator Klaus Biesenbach

          Er provoziert, denn er evoziert die Kommune 1 als Kommune10. Die Situation eskaliert. Zuschauer rufen die Polizei. Die japanische Performancekünstlerin Hanajo wird von einem Deutschen Schäferhund gebissen. Schlingensief wird festgenommen und landet im Gefängnis. Erst zwei Tage später, während eines Telefonats mit dem Rechtsanwalt Peter Raue, verstehe ich, dass Christoph nicht nur die Polizei, die Kasseler Autoritäten, sondern auch seinen Kurator aufs Glatteis geführt hat. Alle Beteiligten stellen ihm ein Testat aus, dass diese Performance real war.

          1999 kommt Christoph, als traditioneller Jude verkleidet, nach New York und versenkt neunundneunzig Objekte in einem als Bombe getarnten Samsonite-Koffer vor der Freiheitsstatue. Sämtliche Zeitungen und drei Fernsehteams mit noch mehr Kameras verhindern seine Festnahme. Die Party nach der subversiven Performance findet im World Trade Center statt.

          Christoph Schlingensiefs Inszenierung des Parsifal in Bayreuth war eine der ausgereiftesten Umsetzungen bildender Kunst in den letzten zehn Jahren. Schlingensief war ein wahrer Zeitgenosse, der als Künstler eine Form gefunden hat; oft kein Objekt, kein Bild, sondern wirklich „soziale Plastik“. Seine Kunst ist noch nicht akzeptiert, weil sie sich verweigert. Seine Kunst war immer Inhalt und Form, aber nie die Form, die andere erwarteten. An diesem Wochenende ist ein großer Künstler von uns gegangen.“

          Susanne Gaensheimer

          Weitere Themen

          Ja, aber

          Rundfunkrat zu HR-Umbau : Ja, aber

          Der Rundfunkrat verhält sich abwartend zu den Umbauplänen des Hessischen Rundfunks. Die angepeilte jüngere Zielgruppe wird begrüßt, die aktuellen Umsetzungspläne stoßen auf Skepsis.

          Topmeldungen

          Proteste gegen China : Hongkong ist eine Gefahr für die Weltwirtschaft

          Chinas innenpolitischer Konflikt bedroht die ohnehin schon trübe Weltkonjunktur. Auch Pekings Vorgehen gegen die Fluggesellschaft Cathay sollte deutschen Unternehmen eine Warnung sein – denn auch Daimler und Lufthansa gerieten schon mal ins Fadenkreuz.

          TV-Kritik: Anne Will : Wiederbelebung der Neiddebatte

          Die SPD hatte bisher das einzigartige Talent, die Probleme ihrer Konkurrenz zu den eigenen zu machen. Bei der Debatte um den Solidaritätszuschlag scheint das anders zu sein, wie bei Anne Will zu beobachten war.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.