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Stardirigent Kirill Petrenko : Der Anti-Maestro meldet sich zurück

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Jung, klein, klug, witzig, freundlich, fleißig, bescheiden und doch - Kirill Petrenko ist einfach der geborene Dirigent Bild: dpa

Stürmen, schuften, siegen: Kirill Petrenko wird verehrt, wohin er auch kommt. Jetzt dirigiert er den neuen, von Frank Castorf inszenierten „Ring des Nibelungen“ im Bayreuther Festspielhaus.

          Wagnerjahr, Büchnerjahr, Verdijahr, Grimmjahr, Brittenjahr, Sacre-du-Printempsjahr . . . Jetzt wird daraus, das ist gar nicht zu vermeiden, auch noch ein Petrenkojahr. Stichtag dazu ist der Freitag dieser Woche.

          An diesem Tag wird der Dirigent Kirill Petrenko, einundvierzig Jahre alt, zurückkehren ins Licht der Öffentlichkeit. Er wird dann in diesem Restjahr 2013 mehr Aufmerksamkeit auf sich ziehen als in den letzten sechs Jahren zusammengenommen. Wird so viele große und wichtige Premieren, aber auch so viele Konzerte und Repertoireaufführungen vorbereiten und dirigieren, in Bayreuth und in München, dass allein das Arbeitspensum jedem Kollegen den Atem verschlägt. Petrenko ist bekannt als ein Workaholic, ein Verrückter. Einer seiner Lehrer, Semyon Bychkov, nannte ihn den einzigen „natural born conductor“, dem er je begegnet sei.

          Sechzehn Stunden Musik, mit zwei Orchestern parallel

          Petrenko, gebürtig aus Omsk in Westsibirien, stammt aus einer jüdischen Musikerfamilie. Nicht zuletzt, weil der Antisemitismus nach dem Fall der Sowjetunion wieder stärker wurde, aber auch, um dem Jungen eine gute Ausbildung zu gewährleisten, wanderten die Eltern 1990 in den Westen aus. Petrenko, der seinen ersten öffentlichen Auftritt als Pianist bereits mit elf Jahren absolviert hatte, studierte in Vorarlberg und in Wien, korreptierte ein wenig und wurde dann, vom Fleck weg, und zwar in einem Alter, in dem andere angehende Dirigenten gerade erst ihr Studium aufnehmen, als jüngster Generalmusikdirektor Deutschlands an das Theater in Meiningen engagiert. Er blieb zwar nur für drei Jahre dort, aber die reichten gerade aus für die erste Heldentat. Kirill Petrenko brachte in diesem winzigen Theaterchen (750 Plätze) Richard Wagners „Ring des Nibelungen“ heraus, und zwar genau so, wie Wagner das gewollt hatte: in vier Premieren hintereinanderweg, an vier Abenden in Folge.

          Regie führte Christine Mielitz, die Bilder dazu lieferte Alfred Hrdlicka. Um die tarifrechtlich limitierte Probenzeit auszunutzen, erarbeitete Petrenko den gewaltigen Stoff, sechzehn Stunden Musik, mit zwei Orchestern parallel. Ihm selbst bescherte das rund hundertfünfzig Stunden Probenzeit. Die Produktion glückte, sie wurde zur Legende, die immer noch nachwirkt im Gedächtnis derer, die so glücklich waren, sie live erlebt zu haben. Aber vielleicht wuchsen sich die Erinnerungen auch aus ins Gigantische, weil es keine Aufzeichnung dieses coolen, kleinen „Meininger Rings“ gibt.

          Dreimal in Folge „Dirigenten des Jahres“

          Von Freitag dieser Woche an dirigiert Kirill Petrenko den neuen, von Frank Castorf inszenierten „Ring des Nibelungen“ im Bayreuther Festspielhaus. Drei Zyklen plus einmal „Rheingold“ extra macht 13 Auftritte allein im Juli und August. Danach wieder Wagner, beim Festkonzert zur Wiedereröffnung des Nationaltheaters in München, wo Petrenko seinen Einstand gibt als Generalmusikdirektor. Folgen die Premiere von „Frau ohne Schatten“ (6 Auftritte) und die Reprise von „Tosca“ (4 Auftritte) zu Beginn der Saison sowie zwei weitere Premieren (Mozarts „Clemenza“, Zimmermanns „Soldaten“) nebst drei Reprisen (“Onegin“, „Rosenkavalier“, „Godunow“) im zweiten Teil, mit insgesamt 22 Auftritten. Petrenko wird das alles locker stemmen, keine Frage. Als er 2003, knapp dreißig, von Meiningen nach Berlin ging, hatte er sich ein Vielfaches dieses Pensums vorgenommen.

          Die Musiker an der Komischen Oper in Berlin tauften ihn zärtlich den „Uralstürmer“, weil er so schnell war, so allgegenwärtig. Andere nannten ihn „den Anti-Maestro“. Und alle liebten ihn, wie jedes Orchester Petrenko liebt, mit dem er arbeitet: So freundlich ist er, so ohne Dünkel und normal, so ehrlich, witzig, bescheiden. Und klug. Und außerdem ist Petrenko immer noch der jüngste Generalmusikdirektor der Welt.

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