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Salzburger Festspiele : Lulus Lust ist die Musik

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Dies arme, grämliche Ding: Patricia Petibon als Lulu in der Salzburger Neuinszenierung von Bergs Oper Bild: dpa

Frauenblick auf eine Männerphantasie: Alban Bergs Oper „Lulu“ nach dem Drama von Frank Wedekind wird in Salzburg von Vera Nemirovas Regie verschenkt und vom Dirigenten Marc Albrecht gerettet.

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          Wer ist diese Lulu, der Alban Berg eine seiner betörendsten Traummusiken geschenkt hat? Eine Musik, die überfließt als Bild einer sich unentwegt neu erfindenden Schönheit, die unverstellt, ja geradezu unverschämt direkt an unsere Sehnsüchte rührt. Und die dabei doch in ihrem überbordenden Formenreichtum so gnadenlos wahrhaftig bleibt, dass sie vom Glück, das sie verheißt, nur im Ton namenloser Trauer kündet.

          Lulu, der die ihr verfallenen Männer zunächst wegsterben wie die Fliegen, bevor sie selber, abgestiegen zur traurigsten aller Straßendirnen, in einer Londoner Dachstube von Jack the Ripper abgeschlachtet wird wie ein Stück Vieh – ist sie nun eine naive Kindfrau oder ein berechnender Vamp? Ein traumverloren in sich selbst versunkenes Naturwesen oder eine sexuell selbstbestimmte Frau, die sich nimmt, was sie will? Mehr Opfer oder doch eher Täterin? „Ich habe nie in der Welt etwas anderes scheinen wollen, als wofür man mich genommen hat. Und man hat mich nie in der Welt für etwas anderes genommen, als was ich bin“, singt sie sphinxhaft dem Dr. Schön – dem einzigen Mann, den sie wirklich liebt, und in dem sich doch niemand anderes verbirgt, als eben jener Massenmörder, dem sie später zum Opfer fallen wird – ins gewaltmenschenartig versteinerte Gesicht. Steinerweichend, so wie Berg es komponiert hat. Und doch gibt sie damit nur wieder neue Rätsel auf.

          Gruselig rotglühende Totenköpfe

          Die Regisseurin Vera Nemirova hatte für ihre Inszenierung der von Friedrich Cerha komplettierten dreiaktigen Fassung des von Berg als Fragment hinterlassenen Werks in der Salzburger Felsenreitschule verheißungsvoll den „Frauenblick auf eine Männerphantasie“ angekündigt, möchte in Lulu nicht die Sexbombe, sondern eine „mythische Figur“ sehen, mit ihrem „tödlichen Auftrag als Botin zwischen Gott und Mensch“. So wollte sie wieder stärker an die literarische Vorlage, Frank Wedekinds „Büchse der Pandora“ anknüpfen, die Bergs Libretto zugrunde liegt.

          Ist sie nun eine naive Kindfrau oder ein berechnender Vamp?

          Zum zweiten Mal haben die Salzburger Festspiele in diesem Sommer dafür die Bühnenausstattung einem bildenden Künstler anvertraut. Verglichen mit den comicartigen Schwarzweiß-Skizzen, die Jonathan Meese für Wolfgang Rihms „Dionysos“-Oper entworfen hat, wirken die großformatigen, bunten Gemälde von Daniel Richter, mit denen die Arkaden der Felsenreitschule verhängt sind, geradezu opulent. Ein zerlaufendes Portrait der rothaarigen Lulu neben einem fabelähnlichen Männertorso dekoriert das erste Bild, jenes Atelier, wo es gleich den ersten Ehemann der Lulu dahinrafft, den greisen Medizinalrat, den der Schlag trifft, als er Lulu mit einem Maler erwischen muss.

          Gruselig rotglühende Totenköpfe beglotzen das Flatterleben, das Lulu später als Ehefrau des zunehmend paranoider auf die wachsende Anzahl seiner Nebenbuhler reagierenden Dr. Schön führt. Michael Volle spielt das grandios mit umwerfender Bühnenpräsenz und beglaubigt die Partie auch stimmlich mit seiner melodiösen, durchdringenden Heldenbaritonfülle. Im Londonbild, dessen Kälte Daniel Richters Kulisse mit einer in ihrer Verwunschenheit beinahe zu anheimelnden Schneelandschaft illustriert, gelingt der Regie ein starkes Bild, wenn Dr. Schön als Jack the Ripper aus weiter Entfernung wie in einem Duell auf sein Opfer zuläuft.

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